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Samstag, 31. Juli 2010

ADHS bei Erwachsenen

Inhalt

Was ist ADHS?
Woran erkennt man ADHS?
Wie wirken sich die ADHS-Symptome aus?
Was sind die Ursachen von ADHS?
Warum kann ADHS so lange unbemerkt bleiben?
ADHS als Stärke?
Wie wird ADHS behandelt?
Literatur

Was ist ADHS?

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung ADHS (manchmal auch nur ADS genannt) bezeichnet eine chronische Schwäche der Selbststeuerung. Betroffenen fällt es übermässig schwer, ihre Aufmerksamkeit und ihre Impulse zu regulieren. Die ADHS beginnt im Kindesalter und hält bei etwa der Hälfte der Kinder bis ins Erwachsenenalter an. Etwa 2-4% der erwachsenen Bevölkerung sind davon betroffen. ADHS kommt in allen Kulturen und sozialen Schichten vor und ist unabhängig von der Intelligenz. Die Übergänge von leichten, punktuell auftretenden ADHS-Symptomen bis hin zu starken und andauernden Symptomen sind allerdings fliessend. Deshalb bestehen international verbindliche Richtlinien, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, dass die Diagnose gestellt werden darf. Von ADHS spricht man erst, wenn die Symptome durchgängig seit der Kindheit bestanden haben und einen hohen Leidensdruck und Probleme im Alltag verursachen.

Woran erkennt man ADHS?

Kernsymptome der ADHS sind Aufmerksamkeitsschwierigkeiten, Impulsivität und Hyperaktivität. Die Aufmerksamkeitsschwierigkeiten zeigen sich besonders im Umgang mit längerdauernden, wenig anregenden Tätigkeiten. ADHS-betroffene Personen verlieren schnell die Konzentration, sind bald gelangweilt und lassen sich leicht ablenken, sowohl durch äussere Reize (z.B. Geräusche) als auch durch innere (Gedanken). So kommt es zu häufigen Unterbrechungen, die Aufgaben dauern übermässig lange oder bleiben gar unerledigt liegen. Zu den Aufmerksamkeitsschwierigkeiten gehören auch Probleme mit der Selbstorganisation. Viele betroffene Personen haben Mühe, ihre Zeit einzuteilen, Termine zu planen und einzuhalten, Ordnung zu halten, sie sind häufig vergesslich und wirken zerstreut. Impulsivität äussert sich als übermässige Ungeduld, zum Beispiel beim Anstehen oder beim Zuhören. Handlungen werden überhastet ausgeführt, der Betroffene sagt oder tut etwas, ohne die Konsequenzen zu bedenken, was ihm nachher oft leid tut. Hyperaktivität bezeichnet ein starkes, nicht kontrollierbares Bewegungsbedürfnis, und damit ein zunehmendes Unwohlsein, wenn man sich länger nicht ausreichend bewegen darf (Kinobesuch, Sitzungen). Bei Erwachsenen kann die Unruhe aber auch "nur" innerlich spürbar sein. Zu den hyperaktiven Symptomen zählt man auch das starke Bedürfnis, sich zu äussern (übermässiges Reden), beziehungsweise die Schwierigkeit, zuzuhören oder in Ruhe etwas zu tun. Neben diesen Kernsymptomen, die in den diagnostischen Richtlinien beschrieben sind, haben Erwachsene mit ADHS aber auch Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu steuern. Sie reagieren gefühlsmässig übermässig schnell, sowohl auf positive Vorkommnisse (lassen sich schnell begeistern) als auch auf negative (sind schnell verunsichert, deprimiert und gekränkt).
Die ADHS tritt in zwei verschiedenen Erscheinungsformen auf. Bei einem Teil der Betroffenen, häufiger Frauen, liegt der Schwerpunkt auf den Aufmerksamkeitsschwierigkeiten (ADHS des unaufmerksamen Typs, manchmal auch mit ADS bezeichnet), bei einem anderen Teil, häufiger Männer, sind Hyperaktivität und Impulsivität vordergründig (ADHS des vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Typs). Schliesslich gibt es Menschen, bei denen alle Kernsymptome in starker Ausprägung vorhanden sind (ADHS des kombinierten Typs).

Wie wirken sich die ADHS-Symptome aus?

Die häufige Erfahrung, Dinge nicht beenden, sein Leben schlecht organisieren zu können, ständig abgelenkt zu sein (Aufmerksamkeitsprobleme), Menschen vor den Kopf zu stossen oder zu verletzen (Impulsivität) und keine Ruhe zu finden (Hyperaktivität), führt zu Problemen in den sozialen Beziehungen (schwierige Partnerschaften, Beziehungsabbrüche, zwischenmenschliche Konflikte am Arbeitsplatz) und bei Ausbildung und Beruf (Motivationsprobleme, Leistungseinbussen). Auf diesem Hintergrund können sich Depressionen, Ängste, aber auch übermässige Aggressivität und antisoziales Verhalten entwickeln. Andere Probleme entstehen aus dem Versuch, gegen die ADHS-Symptome anzukämpfen: Viele betroffene Personen unternehmen enorme Anstrengungen, perfekt zu funktionieren (dies kann zu schweren Erschöpfungszuständen oder Burn-out führen), oder sie versuchen, ihre Schwierigkeiten auszublenden (Alkohol-, Drogen-, Spiel-, oder Esssucht). Aufgrund der vielen Misserfolge und Enttäuschungen ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten erschüttert, das Selbstwertgefühl tief.

Was sind die Ursachen von ADHS?

ADHS ist in den meisten Fällen genetisch bedingt, tritt also familiär gehäuft auf. (Nur zu einem kleinen Teil liegt die Ursache in Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt.) Eine Mehrzahl von Genen scheinen dabei eine Rolle zu spielen, wobei es nicht bei jedem Betroffenen genau die gleichen sind. Es handelt sich um Gene, die im Gehirn für die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen zuständig sind. Bei ADHS ist es so, dass bestimmte Hirnregionen, die an der Selbststeuerung beteiligt sind, eine geringere Fähigkeit zur Aktivierung haben. Diese Mechanismen sind über das Bewusstsein nur äusserst bedingt beeinflussbar. ADHS ist also keine Willensschwäche.

Warum kann ADHS so lange unbemerkt bleiben?

Wie sehr sich eine ADHS-Veranlagung schliesslich im Verhalten zeigt, hängt aber von den Umgebungsbedingungen und anderen persönlichen Eigenschaften ab. Je nach dem können die familiären und schulischen, beziehungsweise beruflichen Lebensbedingungen sowie gewisse Persönlichkeitsmerkmale einer ADHS eher entgegenwirken oder sie sogar noch verstärken. Wenn sich also ein Kind extrem zusammennimmt und sich übermässig Mühe gibt (zum Beispiel ohne sich zu beklagen stundenlang Hausaufgaben löst), fallen seine Schwierigkeiten nicht unbedingt auf (man denkt allenfalls, es handle sich um ein schulschwaches Kind). Auch bei sehr intelligenten Kindern, die lange Zeit nichts für die Schule tun müssen, fällt ADHS erst viel später auf. Besonders einflussreich ist das Beziehungsumfeld. Können die Bezugspersonen mit den Schwierigkeiten umgehen und Hilfestellung bieten (verlässliche und warmherzige Beziehungen, klare Strukturen zuhause und in der Schule), kann einer ADHS entgegengewirkt werden. Wenn sich die Bedingungen ändern, zum Beispiel bei Eintritt in die Lehre, das Studium oder den Beruf, beim Auszug aus dem Elternhaus, aber auch beim Zusammenziehen mit dem Partner, kann die ADHS-Symptomatik aber plötzlich in Erscheinung treten.
Noch etwas Anderes macht es schwierig, ADHS zu erkennen: Die ADHS-Symptomatik besteht zwar chronisch, tritt aber nicht in jeder Situation zutage. Menschen mit ADHS können sich unter bestimmten Umständen sehr wohl, ja sogar besonders gut konzentrieren, können über lange Zeit durchhalten oder auf das Gegenüber eingehen. Dies ist immer dann der Fall, wenn sie etwas gerne tun, wenn ihnen etwas oder jemand sehr wichtig ist, aber auch wenn ein gewisser Druck besteht (Zeitdruck, "letzte Chance"), kurz: "wenn es um etwas geht". Dies ist verwirrend. Die Betroffenen selbst wie auch ihre Bezugspersonen verstehen dann nicht, wieso die Konzentration einmal sehr gut, ein andermal sehr schlecht ist, und kommen zum Fehlschluss, dass es nur mangelndes Bemühen sein kann. Viele nicht erkannte ADHS-Betroffene wachsen deshalb mit dem zermürbenden Satz auf: "Du könntest schon, wenn du wolltest!" Tatsächlich sind ADHS-Betroffene bei ihren Handlungen mehr als andere Menschen darauf angewiesen, dass sie etwas "von innen heraus" tun möchten. Andernfalls wissen sie zwar, dass sie etwas tun sollten, können sich aber nicht dazu aufraffen. So bleiben beste Vorsätze ohne Wirkung, und das ist zermürbend. Kurz: ADHS-Betroffene könnten, wenn sie wollten – aber sie können das Wollen nicht machen.
Schliesslich trägt auch ein Informationsmangel dazu bei, dass ADHS oftmals nicht erkannt wird: Obwohl ADHS im Erwachsenenalter schon gut erforscht ist, hört man in den Medien und leider auch von sogenannten Fachleuten nach wie vor, ADHS existiere überhaupt nicht, sei beispielsweise eine Erfindung der Pharmaindustrie. Viele Ärzte und Psychologen haben in der Ausbildung nichts über ADHS im Erwachsenenalter gehört, befassen sich auch später nicht damit und können das Erscheinungsbild deshalb auch nicht erkennen. Häufig kommen Betroffene oder ihre Bezugspersonen (Partner, Arbeitgeber, Arzt, Psychotherapeut) erst aufgrund von Folgeproblemen auf die Idee, es könnte ein ADHS im Spiel sein.

ADHS als Stärke?

Gewisse ADHS-typische genetische Varianten bestanden bereits, als die Menschen noch als Nomaden lebten. Dass diese Varianten nicht ausgestorben sind, könnte bedeuten, dass Menschen mit diesen Eigenschaften auch (Überlebens-) Vorteile hatten. In der Tat: Wer ADHS-Betroffene kennt, weiss, dass sie durch ihre Reizoffenheit eben auch vieles mitbekommen und deshalb oft über ein ausgezeichnetes Gespür verfügen. Weitere häufige Stärken sind Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, Neugierde und Begeisterungsfähigkeit, Risikobereitschaft, Ideenreichtum und Kreativität (ungewöhnliche Lösungsansätze), ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und ein hohes persönliches Engagement bei Verantwortungsübernahme. Generell kann man sagen, dass Menschen mit ADHS unter stimulierenden Bedingungen leistungsfähiger sind als bei Monotonie. Im Alltag unaufmerksam und nachlässig, können sie in Notsituationen, wo schnell reagiert werden muss, unter Umständen zu Höchstform auflaufen.

Wie wird ADHS behandelt?

Zunächst ist es wichtig, dass die Diagnosestellung sorgfältig durchgeführt wird. Neben der klinischen Diagnostik (Gespräche, Fragebogen) werden dabei häufig auch neuropsychologische Leistungstests eingesetzt. Die Abklärung ist zeitaufwendig und schwierig, da ADHS-Symptome auch im Rahmen vieler anderer Störungen, psychischer wie körperlicher Art, auftreten können.
Ist die Diagnose gesichert, so besteht der nächste Schritt in einer umfassenden Aufklärung. Die Entlastung ist oft gross, wenn der Betroffene versteht, woher seine Schwierigkeiten kommen, und dass es ihm weder an Willen, Bemühen, noch an Können (Intelligenz) fehlt. Sinnvoll ist es, dabei auch die Bezugspersonen, zum Beispiel Ehepartner, einzubeziehen. Im Anschluss wird gemeinsam beraten, welche weiteren Schritte sinnvoll sind. Dies hängt von den individuellen Beschwerden, Wünschen und den praktischen Möglichkeiten ab. Nicht wenige Klienten benötigen dank des neuen Verständnisses ihrer Schwierigkeiten keine weiteren Behandlungsschritte. Alleine dadurch, dass sie und ihr nächstes Umfeld die Symptome einordnen und akzeptieren können, nehmen die Selbstvorwürfe und Schuldzuweisungen ab, die Situation entspannt sich. Praxisorientierte Ratgeber-Literatur kann dabei wertvolle Unterstützung leisten. Manche Klienten nehmen Kontakt mit einer Selbsthilfegruppe auf, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Auch im Internet gibt es Gelegenheiten, andere Betroffene kennenzulernen.
Bei stark ausgeprägten Symptomen, die einen hohen Leidensdruck verursachen, und wenn gravierende Auswirkungen drohen (z.B. wenn Arbeitsplatz oder Beziehung auf dem Spiel stehen), ist eine Behandlung aber sinnvoll. Da es sich bei ADHS um eine Störung der Nervenübertragung im Gehirn handelt, ist eine medikamentöse Therapie, die diese Nervenübertragung besser reguliert, naheliegend. In erster Linie kommen sogenannte Psychostimulanzien zum Einsatz, welche bei einem Grossteil der Betroffenen die Konzentration und Verhaltenssteuerung verbessern. Ausschlaggebend dabei ist, dass die Medikamente von einem Arzt genau dosiert werden, dann sind sie sehr gut verträglich und machen auch nicht abhängig (wie fälschlicherweise oft behauptet wird).
Eine psychotherapeutische Behandlung vermag die ADHS zwar nicht zu beheben, kann aber den Betroffenen dabei unterstützen, mit den Symptomen und ihren Auswirkungen besser zurecht zu kommen. Die Therapie richtet sich dabei nach den Anliegen des jeweiligen Klienten, die Ziele müssen also zu Beginn der Behandlung vereinbart werden. Viele Klienten wünschen Unterstützung beim sogenannten Selbstmanagement. Ausgehend von ganz konkreten Schwierigkeiten im Alltag, erarbeiten Therapeut und Klient besser geeignete Handlungsstrategien, die der Klient zwischen den Sitzungen einüben kann. Hierfür hat sich insbesondere die Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Eine neu diagnostizierte ADHS wirft aber meist auch grundlegende Fragen auf, wie: In welcher Art hat ADHS mein Leben geprägt, wie hat sie sich auf Beziehungen und Beruf ausgewirkt? Welche Möglichkeiten waren mir dadurch verbaut? Die Therapie kann dem Klienten dann einen Rahmen bieten, seine Lebensgeschichte zu beleuchten, seine Gefühle wahrzunehmen und zu äussern, um so ein besseres, wohlwollenderes Verständnis für sich selbst zu entwickeln. Zu einer guten ADHS-Behandlung gehört aber unbedingt auch, herauszufinden, wie das Leben "ADHS-gerechter" gestaltet werden könnte. Dabei geht es nicht nur darum, Bedingungen, die für ADHS-Betroffene schwierig sind, zu verändern (z.B. Ablenkungsfaktoren zu reduzieren), sondern ebenso Bedingungen zu schaffen, unter denen ADHS-typische Stärken vermehrt genutzt werden können, insbesondere im Beruf. Oftmals steht zu Beginn der Therapie aber gar nicht die ADHS im Zentrum, sondern deren Folge- und Begleiterscheinungen wie Depressionen, Ängste, Süchte oder Beziehungsprobleme.

Literatur

Beachte: In der Literatur werden die Begriffe ADHS und ADS uneinheitlich gebraucht. Wenn nicht anders vermerkt, werden beide Bezeichnungen als Oberbegriff für Aufmerk-samkeitsstörungen mit oder ohne Hyperaktivität verwendet.

Links

externer Link folgtwww.adhs.ch hervorragende Homepage von Fachleuten, ständig aktualisiert, mit vielen guten Links

externer Link folgtwww.uni-duesseldorf.de Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde

externer Link folgtwww.igads.ch Homepage der Schweizerischen Interessengruppe Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom bei Erwachsenen IG-ADS; Informationen, Kurse, Selbsthilfegruppen, Leitlinien

externer Link folgtwww.adhs-netz.de im Aufbau begriffenes deutsches Informationsnetz

externer Link folgtadhd.kids.tripod.com amüsante, nicht ganz ernst zu nehmende Zusammenstellung von ADHS-Stärken

Autorin

Marie-Anne Rahel
Psychologin lic. phil. FSP
Psychologisch-psychiatrische Praxisgemeinschaft
Freiestrasse 80
8032 Zürich

Tel. 044 382 50 41
E-Mail der-raum@dont-want-spamfreesurf.ch

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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am  2. März 2010