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Samstag, 31. Juli 2010

Esssucht oder Adipositas

Inhalt

Was ist Esssucht?
Einige Fakten zur Esssucht
Wie entsteht eine Esssucht?
Dynamik
Auswirkungen
Wie wird Esssucht behandelt?
Literaturhinweise

Was ist Esssucht?

Adipöse Menschen fallen durch ihre große Leibesfülle auf; ihr Body Mass Index liegt über 30 (BMI = Körpergewicht in kg/Körpergröße in Meter im Quadrat). Ihre Essgewohnheiten werden weitgehend durch äußere Anreize, vor allem durch das riesige Angebot an überall leicht zugänglichen kalorienreichen Speisen und Getränken bestimmt, die keiner Zubereitung mehr bedürfen. Innere Signale wie Hunger und Sättigung haben ihre regulierende Funktion verloren.

Einige Fakten zur Esssucht

In westlichen Kulturen liegt der Anteil der Adipösen bei 20 bis 25%, Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Die Häufigkeit von starkem Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen ist seit Jahren im Steigen begriffen, so dass ein weiteres Ansteigen der Gesamtmorbidität zu befürchten ist.

Adipositas führt zu sehr ernsten Folgekrankheiten. Ihr Überhandnehmen ist deshalb – über das Leiden der einzelnen Betroffenen hinaus – eine ernste Sorge im Hinblick auf die Volksgesundheit.

Wie entsteht eine Esssucht?

An der Entstehung einer Esssucht sind zu einem guten Teil bestimmte Aspekte moderner Lebensformen beteiligt: Zeitmangel, Stress, Bewegungsarmut, mangelhafte Kommunikation, Langeweile, Überangebot an Nahrungsmitteln begünstigen unkontrolliertes Essverhalten. Unsere Lebensgewohnheiten haben sich weit von jenen Bedingungen entfernt, auf die unser Organismus eigentlich ausgerichtet ist, und verlangen von uns ein hohes Maß an Informiertsein über angemessene Ernährung wie auch an Achtsamkeit gegenüber der Auswahl an Nahrungsmitteln, die wir treffen und den Mengen, die wir uns zuführen. Viele von uns müssen wieder lernen, inneren Signalen - dem Hunger und dem Gefühl von Sättigung - den Vorrang einzuräumen gegenüber dem Trommelfeuer der Werbung und den Verlockungen des Supermarkts, die uns ununterbrochen Bedürfnisse suggerieren, die wir nicht haben.

Menschen, die im Verlaufe ihrer Entwicklung keine belastungsfähige psychische Struktur und kein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen konnten, weil sie in ihrer Umgebung Einflüssen wie Vernachlässigung, Entmutigung, Entwertung, Gewalt, sexuellem Missbrauch, aber auch Verwöhnung und dem subtileren emotionalen Missbrauch ausgesetzt waren, sind Beeinflussungen und Verführungen stärker ausgeliefert als solche, die in Kindheit und Adoleszenz jeweils ihrem Alter angemessene Fürsorge und Herausforderung erfahren haben, die ihre wachsenden Bedürfnisse nach Unabhängigkeit durchsetzen  und sich, im Austausch mit ihrer Umgebung, üben konnten im sinnvollen Umgang mit Gefühlsregungen. Sie hatten nicht die Möglichkeit, den Umgang mit Freiheit und eine selbstverantwortliche Haltung zu lernen und sind es nicht gewohnt, sich die liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken, die es ihnen ermöglichen würde, ihr Verhalten so zu steuern, dass Essen für sie eine Quelle von Genuss und Gesundheit und ein Anlass zur Geselligkeit sein kann, und dass andere Interessen und Neigungen in ihrem Leben den ihnen gebührenden Raum erhalten.

Psychische Belastungen – Sorgen, ungelöste Konflikte, niedriges Selbstwertgefühl, Einsamkeit, ungünstige Muster der Erlebnisverarbeitung – erschweren für Menschen, die eine besondere Verletzlichkeit mitbringen, diese Aufgabe der Selbststeuerung und Selbstbestimmung. Eine familiäre Neigung zu Übergewicht kann ein weiterer erschwerender Faktor sein.

Dynamik

Als Auslöser für übermäßiges Essen erweisen sich, neben Verlockungen von außen, meist jede Art von innerem Unbehagen – Angst, Enttäuschung, Spannung, Selbstzweifel – von dem sich die Betroffenen durch Essen vorübergehend ablenken können.

Aufrechterhaltende Faktoren sind meist automatisch ablaufende Gedanken wie „Ich bin sowieso schon dick und hässlich – auf dieses dritte Stück Kuchen kommt es nun auch nicht mehr an“, „Bei meinem Übergewicht nützt Vernunft beim Essen ohnehin nichts mehr“ oder „Ich bin ein Totalversager, da ist Hopfen und Malz verloren, mich hat sowieso niemand gern“, aber auch Überzeugungen wie „Ich nehme von nichts zu“ und „ich bin unfähig, mein Verhalten zu steuern“ – es leuchtet ohne weiteres ein, dass solche Sätze so entmutigend und demotivierend sind, dass die nächste Essorgie vorprogrammiert ist.

Auswirkungen

Adipositas kann sich so ziemlich auf alle Körpersysteme ungünstig auswirken. Namentlich sind erhöhter Blutdruck, Diabetes, Schädigung des Bewegungsapparats, metabolisches Syndrom und hormonelle Störungen Begleitrisiko der Esssucht.

Auf der psychischen Ebene gehen Depressionen, Angststörungen und soziale Isolation gehäuft mit Adipositas einher.

Adipositas beeinträchtigt die Lebensqualität in hohem Masse und auf mannigfache Weise.

Wie wird Esssucht behandelt?

Voraussetzungen für eine Therapie
Therapieziele
Wege zur Erreichung dieser Ziele

Voraussetzungen für eine Therapie

Unerlässliche Voraussetzung für eine Therapie der Esssucht ist die Einsicht der Betroffenen, dass ihre Essgewohnheiten und das daraus folgende starke Übergewicht eine ernste Gefahr für ihre Gesundheit und eine schwere Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität bedeuten und deshalb dringend änderungsbedürftig sind.

Umfassende Information über die Zusammenhänge zwischen den Lebensgewohnheiten der Betroffenen, ihrem Übergewicht und den ungünstigen körperlichen wie psychischen Auswirkungen dieses Übergewichts lassen verstehen, wie therapeutische Maßnahmen wirksam in das Krankheitsgeschehen eingreifen können. Sie erleichtern es so adipösen Menschen, Vertrauen zu schöpfen in die Möglichkeiten der Therapie und begünstigen ihre Bereitschaft, an ihrer Gesundung aktiv mitzuwirken. Das informierende und motivierende Gespräch zu Beginn der Therapie trägt entscheidend zu deren Gelingen bei.

Da Esssucht ihre Ursachen sowohl in der Innen- wie in der Außenwelt des betroffenen Menschen hat – im aufdringlichen Überangebot an, zum Teil sehr ungeeigneten, Esswaren wie in der Neigung der Esssüchtigen, innere Spannungen mit ungeeigneten Mitteln zu mildern – ist es sinnvoll therapeutisch sowohl beim Essverhalten anzusetzen als auch bei den inneren Vorgängen der Wahrnehmung und Deutung von Gefühlsregungen, der Erlebnisverarbeitung, der bevorzugten Weisen, Probleme zu lösen oder Konflikte auszutragen. Dabei stehen die beiden Ebenen in einer Wechselbeziehung zueinander: Ein Gewinn auf der einen Ebene wirkt sich auch günstig auf Lernprozesse auf der anderen Ebene aus und die so bewirkte Verbesserung der Stimmung macht Mut, weitere Schritte in Angriff zu nehmen

Für die erfolgreiche Therapie von Adipositas ist daher die Zusammenarbeit zwischen Psychotherapeuten, Hausarzt, Ernährungsberaterin und Physiotherapeutin oder Sportmediziner wesentlich.

Therapieziele

Gewichtsabnahme: Maßvolles, stetiges Abnehmen ist dem Streben nach raschem Erreichen des Normal- oder Idealgewichts vorzuziehen. Selbst eine verhältnismäßig bescheidene Gewichtsabnahme wirkt sich, wenn sie gehalten werden kann, vermindernd aus auf das Risiko von Begleiterkrankungen. Zu rasches, zu drastisches Abnehmen wird oft gefolgt von einer Wiederzunahme und wirkt so kontraproduktiv und demotivierend.

Steigerung der Lebensqualität: Eine gesunde und genussvolle Ernährung und ausreichende, möglichst lustbetonte Bewegung tragen – über das Ziel der Gewichtsabnahme hinaus – zu einer Steigerung der Lebensqualität bei. Eine Steigerung der sozialen Kompetenz wirkt der Vereinsamung entgegen.

Wege zur Erreichung dieser Ziele

Die Ernährungsberaterin wird zusammen mit dem oder der Betroffenen einen Essplan erarbeiten, in dem deren Lebensumstände sowie ihre Neigungen und Abneigungen soweit möglich mitberücksichtigt sind. Sie wird Anleitung zur Beschaffung und Zubereitung der geeigneten Speisen geben. Ausgangspunkt für diesen Prozess ist ein Essprotokoll, in dem die Betroffenen ihre bisherigen Essgewohnheiten festgehalten haben. (Die Erstellung eines solchen Protokolls ist zugleich eine erste Übung in Selbstbeobachtung und Achtsamkeit gegenüber inneren Vorgängen, bringt also auch einen wichtigen Gewinn auf der psychischen Ebene.)

Adipöse sind erfüllt von der Schreckensvorstellung: „Wenn ich abnehmen soll, muss ich auf alles verzichten, was mir lieb ist“. Für den Erfolg eines gewichtsreduzierenden Essplans ist es deshalb entscheidend wichtig, dass die neue Kostform genussvoller ist als die alte, dass Betroffene überhaupt einmal entdecken, was gutes Essen wirklich ist und wie viel davon sie brauchen und genießen können.

Die Physiotherapeutin wird mit den Übergewichtigen individuell erkunden, welche sportlichen Betätigungen ihnen zusagen und/oder wie sie genügend Bewegung in ihren Alltag einbauen können.

In der kognitiv- verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Psychotherapie wird es zunächst darum gehen, zu erkunden, unter welchen Bedingungen zu viel und das falsche gegessen wird und welche Faktoren das unerwünschte Essverhalten aufrechterhalten.

Die Therapie wird angreifen an den Elementen der oben beschriebenen Dynamik. Sie wird die Unabhängigkeit gegenüber äußeren Verlockungen fördern und die Betroffenen zu eigenem kritischem Urteil gegenüber selbstentwertenden Leitsätzen ermutigen. Esssüchtige Menschen können unter Anleitung lernen, solche destruktive Denkmuster zu erkennen, sie auf ihren Realitätsgehalt hin zu prüfen und durch zweckmässigere und ermutigendere zu ersetzen. Sie können auch lernen, aufkommendes Unbehagen als Aufforderung zum Überlegen aufzufassen: „Was will mir das Unbehagen sagen? –Hab’ ich Angst? Bin ich wütend? Steht mir ein unangenehmer Konflikt bevor? Fühl’ ich mich einsam?“ Und: „Was kann ich dagegen tun? Wie kann ich das Problem lösen? Wo kann ich dabei vielleicht Unterstützung finden?“ Sie werden dabei die Entdeckung machen, dass das Unbehagen sich wandelt, wenn sie es so lang aushalten, bis sie es in seiner konkreten Natur erkennen und etwas Wirksames dagegen unternehmen können.

Solche Prozesse tragen nicht nur zur Gewichtsreduktion bei, sie helfen auch bei der Bewältigung von Angst und depressiven Anwandlungen. Den eigenen inneren Vorgängen Aufmerksamkeit schenken und sich auf sein kritisches Urteilsvermögen besinnen ist auch eine Möglichkeit, jene stabilisierenden psychischen Strukturen, die in der Kindheit nicht entwickelt werden konnten, nachträglich aufzubauen.

Je mehr die Adipösen neben ihrer Essstörung über Ressourcen verfügen – eigene Stärken und/oder unterstützende Elemente in ihrer Umgebung – desto rascher und leichter werden sie den Weg aus ihrem Leiden finden. Wo diese helfenden Faktoren zunächst fehlen, ist es Aufgabe der therapeutischen Begleiter, die Betroffenen bei der Entwicklung der nicht vorhandenen Strukturen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu unterstützen. Dies kann ganz besonders gut im Rahmen einer Therapie- oder geleiteten Selbsthilfegruppe geschehen.

Literaturhinweise

Besondere Kapitel in diesem allgemeinen Buch über Essstörungen helfen stark Übergewichtigen verstehen, wie es im Verlauf ihrer persönlichen Geschichte zu einer Esssucht hatte kommen können, und zeigen Wege aus der Abhängigkeit auf.

Hilft mit Anleitung und Übungen die eigenen Gefühle als Kompass für unser Befinden in der Welt nutzen.

Erzählt die Geschichte einer esssüchtigen und stark übergewichtigen Jugendlichen und wie sie den Weg zu Selbstliebe und Beziehung zu den Anderen findet.

Internet-Links

Experten-Netzwerk-Essstörungen Schweiz: 
externer Link folgtnetzwerk-essstoerungen.ch

Arbeitsgemeinschaft-Essstörungen, Angehörigen-Betroffenenorganisation: 
externer Link folgtwww.aes.ch

Forum Essstörungen der KOSCH (Koordination und Förderung von Selbsthilfegruppen):
externer Link folgtforum.beobachter.ch

Institut Frauensache Österreich, Selbsthilfe bei Ess-Sucht: 
externer Link folgtwww.frauensache.at

Angaben zur Autorin

Jovita Maier, lic.phil. Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Verhaltenstherapeutin SGVT
Praxis: Gebergasse 16, 4001 Basel. Tel. 061 261 97 59
jovita.maier@dont-want-spambluewin.ch . Siehe auch externer Link folgtwww.netzwerk-essstoerungen.ch/

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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 23. März 2010