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Samstag, 31. Juli 2010

Magersucht oder Anorexie

Inhalt

Was ist Magersucht?
Einige Fakten zur Magersucht
Entstehung
Dynamik
Auswirkungen
Wie wird Magersucht behandelt?
Literaturhinweise

Was ist Magersucht?

Magersucht ist das unbedingte Streben nach größtmöglicher Magerkeit als höchstem Wert. Die Betroffenen fallen durch extremes Untergewicht auf, ihr Body Mass Index liegt bei höchstens 17, manchmal weit darunter (BMI = Körpergewicht/ Quadrat der Körperlänge in Meter), ihr Aussehen erinnert an das von kindlichen Opfern einer Hungerkatastrophe. Ihr Sinnen und Trachten kreist fast ausschließlich um die Frage, wie sie noch magerer werden könnten, ihre Körperwahrnehmung ist verzerrt (sie sehen sich immer noch als zu dick),  ihre Interessen, die Beziehung zu den Mitmenschen und zu vielen Aspekten der Realität verkümmert zusehends.

Einige Fakten zur Magersucht

Rund 1% der Mädchen und jungen Frauen leiden an Anorexie (0,1% der Knaben im Jugendalter und jungen Männer). Der Krankheitsbeginn liegt oft in der frühen Pubertät, am häufigsten zwischen 12 und 16 Jahren. Die Störung entwickelt sich auf dem Hintergrund einer Persönlichkeitsstruktur, in der Perfektionismus, Schwierigkeit im Umgang mit Gefühlen und Ausgerichtetsein auf das Urteil der Anderen beherrschende Züge sind. Häufig liegen Begleitstörungen vor: Depressive Verstimmungen (in 50 bis 75% der Fälle), manisch-depressive Erkrankung (5-10%), Zwangssymptome (25%), Angststörungen, insbesondere soziale Phobie.

In rund 5% der Fälle verläuft eine Anorexie tödlich, sei es infolge von körperlichen Schädigungen
oder durch Suizid. Rechtzeitige fachgerechte Behandlung kann einen solchen Ausgang verhindern.

Entstehung

Auslöser für eine Magersucht kann die leiseste Kritik an der Erscheinung der Betroffenen – meist ein Mädchen zu Beginn der Pubertät – oder einer ihr nahe stehenden Person (Mutter, Schwester, Freundin) sein. Der meist spöttische, herabsetzende Ton solcher Kommentare signalisiert, dass man als Übergewichtige – oder einfach nur ein wenig Mollige – keinen Anspruch auf Achtung und Zuneigung seiner Mitmenschen hat. Das Mädchen oder – viel seltener – der Knabe, die in einem körperlichen Veränderungsprozess begriffen sind, der sie unsicher und verwundbar macht und die vor der schwierigen Aufgabe stehen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, werden alles daran setzen, dieses Los nicht erleiden zu müssen; sie werden ihr Gewicht aufs genaueste überwachen und sich dabei nach dem Leitsatz richten: „je dünner, desto besser“.

Dynamik

Mit der ersten Erfahrung, dass das entwicklungsgemäße Auftreten rundlicherer Formen in der Pubertät tatsächlich durch Einschränkung der Nahrungsaufnahme verhindert werden kann, setzt eine verhängnisvolle Dynamik ein: Die Entdeckung „ich habe Macht über meinen Körper“ hat etwas Berauschendes und verlangt nach Wiederholung und Steigerung, das heißt nach weiterer Gewichtsabnahme und also nach noch drastischerem Fasten. Die Besorgnis der häufig völlig hilf- und fassungslosen Eltern, die Aufmerksamkeit der weiteren Umwelt und ihr Mitgefühl für das zerbrechliche, sichtlich dahinschwindende Wesen bestärken die Hungernde in ihrem Verhalten und formen ihr Selbstbild mit. Sie identifiziert sich mit ihrer Magerkeit, die ihr soviel Gewinn bringt. Das Zusammenwirken von Machterlebnis und der Erfahrung, in den Augen der Anderen etwas Besonderes zu sein, wirkt wie eine Droge, von der abzulassen kaum mehr aus eigener Kraft möglich ist. Unter dem Einfluss dieser Droge wird auch der quälende Hunger, mit dem der Sonderstatus bezahlt wird, umetikettiert zu jenem „feinen Hungergefühl“ das der Magersüchtigen meldet, sie sei ein Ausnahmewesen. Die extreme, oft lebensbedrohende Nahrungsverweigerung der Magersüchtigen kann als verzweifelte Selbstbehauptung aufgefasst werden, als fehlschlagender Versuch eines jungen Menschen, seinem Willen Geltung zu verschaffen in einer Umwelt, die sich dafür nicht zu interessieren scheint, und dem weniger selbstschädigende Möglichkeiten, sich durchzusetzen, nicht zur Verfügung stehen oder von ihm noch nicht entdeckt worden sind. (Der Konflikt kann sich auch innerhalb der Person abspielen: Selbstbehauptung und betonte Ausrichtung nach außen kollidieren miteinander – über das Hungern kann dieser Konflikt „gelöst“ werden.)

Eine weitere Waffe im Kampf um Herrschaft über den eigenen Körper ist die Bewegung: Magersüchtige können ihrem ausgemergelten, geschwächten Körper  sportliche Ausdauer- und Spitzenleistungen abverlangen, die Staunen erregen. Einerseits bewirken diese ebenfalls Gewichtsverlust, andererseits scheinen sie der anorektischen jungen Frau zu beweisen, dass ihr Mangelregime ihr nichts anhaben kann, was allerdings eine Täuschung ist – Magersucht führt, wenn sie nicht rasch überwunden wird, zu mannigfachen ernsten, zum Teil unumkehrbaren, manchmal tödlichen Gesundheitsschäden.

Auswirkungen

Wird eine Magersucht nicht möglichst frühzeitig behandelt, können schwere körperliche und psychische Schäden entstehen:

Auf der Körperebene. Die extreme Mangelernährung schädigt unter anderem das Kreislaufsystem, das zentrale und periphere Nervensystem, die Nieren und den Verdauungstrakt. Sie bewirkt schwere Störungen des Stoffwechsels sowie des hormonellen Gleichgewichts und verändert in gefährlicher Weise das Blutbild; sie verzögert oder blockiert die geschlechtliche Reifung.

Auf der psychischen Ebene: Da Magerseinwollen aufgrund der oben beschriebenen Dynamik zur überwertigen, alles beherrschenden Idee wird, verarmt und erstarrt das Erleben der Betroffenen, ihre Interessen und die Beziehungen zu den Mitmenschen verkümmern.

Wie wird Magersucht behandelt?

Wegen ihrer Gefährlichkeit ist es wichtig, dass Magersucht früh erkannt und rasch behandelt wird. Im Frühstadium der Behandlung kann eine Hospitalisierung unerlässlich sein, damit die Nahrungsaufnahme zuverlässig kontrolliert und notfalls erzwungen werden kann. Die stationäre Aufnahme bietet auch die Möglichkeit, dass die verhängnisvollen, die Störung aufrechterhaltenden Wechselwirkungen zwischen der Magersüchtigen und ihrer gewohnten Umwelt durchbrochen werden können. Zwischen der Magersüchtigen und den Verantwortlichen für die Behandlung können Vereinbarungen über eine behutsame Gewichtszunahme getroffen und ihre Einhaltung so verstärkt werden, dass die Belohnung den – lebensfreundlichen und entwicklungsgemäßen – Wünschen und Bedürfnissen der Patientin entspricht, dass sie also eine Erfahrung in Selbstbestimmung machen und eine echte Motivation erleben kann. Solche Belohnungen können etwa in einem Gewinn an Bewegungsfreiheit bestehen oder der Möglichkeit, eigene Interessen zu entdecken, einer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, eigene, wirklich selbstgewählte Ziele zu verfolgen.

Schon in dieser Phase ist es entscheidend wichtig, die Eltern in den therapeutischen Prozess einzubeziehen, damit beide Seiten – Eltern und gefährdetes Kind – verstehen lernen, welche wechselseitigen Beziehungsmuster die Entstehung der Störung begünstigt haben und wie beide künftig besser miteinander umgehen können, wie zum Beispiel Wünsche und Bedürfnisse – nach Zuwendung, nach Freiheit, nach Ermutigung, nach Entfaltungsraum – offen mitgeteilt und ihre Erfüllung ausgehandelt, wie gemeinsam Wege aus Konflikten gefunden werden können, so dass keine Partei zu destruktiven Machtspielen zu greifen braucht. Der Therapeut oder die Therapeutin hat dabei eine Schutz-, Vermittlungs- und Klärungsfunktion, mit deren Hilfe eine neue Vertrauensbasis geschaffen werden kann, so dass notwendige Wachstumsschritte von Eltern und Kind ohne allzu große Angst getan werden können.

Die Behandlung der Magersucht spielt sich streckenweise auf einem schmalen Grat ab: Einerseits muss die Erhaltung von Leben und Gesundheit manchmal regelrecht erzwungen werden, andererseits kämpft das anorektische Mädchen verzweifelt (wenn auch mit falschen Mitteln) um Selbstbestimmung, die als solche ja ein sinnvolles Ziel ist. Die stationäre Aufnahme im Frühstadium einer Magersuchtstherapie hat den großen Vorzug, dass nicht die verunsicherten Eltern – die eigentlichen Adressaten der unklaren Unabhängigkeitserklärung – Zwangsmassnahmen durchführen müssen und dass die weit neutraleren Mitglieder des Behandlungsteams sich in ihrer Haltung und ihrem Handeln gestützt wissen durch ihre Fachkenntnis und ihre Erfahrung. Sie können der jugendlichen Patientin mit der notwendigen Sicherheit begegnen, was dieser wiederum vermehrten Halt vermittelt. Durch ihre größere Gelassenheit können sie auch als Vorbilder zur gesteigerten Kompetenz der Eltern im Umgang mit ihrem anorektischen Kind beitragen.

Nach der Klinikentlassung, wenn ein vereinbartes Minimalgewicht erreicht und die Magersüchtige nicht mehr akut gefährdet ist, muss dieser Prozess des gemeinsamen Wachsens und des achtsamen Einübens von lebensfreundlichen Formen des Umgangs miteinander im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie  fortgesetzt werden. Der Prozess ist anfänglich störungsanfällig, weil die alten, über Jahre eingeübten Reaktionsmuster weitgehend automatisch und unbemerkt ablaufen. Sie zu erkennen und rechtzeitig eingreifen zu können, setzt einen Lernprozess voraus, der nicht leicht, aber sehr lohnend ist, weil er zu einem reicheren und freieren Leben für alle Beteiligten führt. Der Therapeut oder die Therapeutin wird dem jungen Mädchen darin beistehen, dass es sich mit den bevorstehenden Aufgaben des Erwachsenwerdens auseinandersetzt: Ausbildungs- und Berufswahl, erste Beziehungen zum anderen Geschlecht sind Themen und Erlebnisbereiche, die Gelegenheit bieten, sich in echter Autonomie zu üben, Freiheit mit Selbstverantwortung und Realitätsbezug zu verbinden und dabei die eigenen Kräfte und Möglichkeiten zu entdecken.

Ganz wichtig ist auch, dass die Betroffene begreift, dass es zur Lebensbewältigung aussichtsreicher ist, sich mit der eigenen Natur zu verbünden, sich in das Naturhafte einzufühlen, als es zu bekämpfen.

Wird eine frühe und wirksame Behandlung verpasst, kann Magersucht in eine chronische Form übergehen, die therapeutisch schwer zugänglich ist. Es kommt aber immer wieder vor, dass auch nach Jahren und sogar Jahrzehnten eine partielle oder vollständige Heilung eintritt, wenn es gelingt, dass die Patientin Vertrauen zu einem Therapeuten oder einer Therapeutin fasst und die Bereitschaft aufbringt zur aktiven Mitarbeit an ihrer Gesundung.

Literaturhinweise

Vermittelt in knapper, gut verständlicher Form fundierte Informationen über die Vielfalt von ineinandergreifenden Faktoren, welche zur Entstehung von Magersucht führen können. Erscheinungsformen, Verlauf und Behandlungsmöglichkeiten werden beschrieben. Mit konkreten Anregungen zur Selbstreflektion zeigt der Ratgeber Magersüchtigen den Ausweg aus der Verweigerungshaltung, mit Handlungsanweisungen hilft er den Bezugspersonen, Angst und  Hilflosigkeit zu überwinden, so dass alle Beteiligten die nötigen, zur Heilung führenden Schritte tun können.

Beide Bücher geben einen ausgezeichneten Überblick über die Hauptformen der Essstörungen. Sie ermöglichen das Verständnis der vielfältigen individuellen, familiären und gesellschaftlich-kulturellen Ursachen und Auslöser von Essstörungen. Gedankliche und emotionale Vorgänge, welche die Störung aufrechterhalten, werden sichtbar gemacht,  therapeutische Zugänge in ihren Grundzügen und ihrer Wirkungsweise erklärt und Wege zurück in ein freieres, selbstbestimmtes Leben aufgezeigt.

Internet-Links

Experten-Netzwerk-Essstörungen Schweiz: 
externer Link folgtnetzwerk-essstoerungen.ch

Arbeitsgemeinschaft-Essstörungen, Angehörigen-Betroffenenorganisation: 
externer Link folgtwww.aes.ch

Forum Essstörungen der KOSCH (Koordination und Förderung von Selbsthilfegruppen):
externer Link folgtforum.beobachter.ch

Institut Frauensache Österreich, Selbsthilfe bei Ess-Sucht: 
externer Link folgtwww.frauensache.at

Angaben zur Autorin

Jovita Maier, lic.phil. Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Verhaltenstherapeutin SGVT
Praxis: Gebergasse 16, 4001 Basel. Tel. 061 261 97 59
jovita.maier@dont-want-spambluewin.ch . Siehe auch externer Link folgtwww.netzwerk-essstoerungen.ch/

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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 23. März 2010