Sexuelle Funktionsstörungen
Inhalt
1. Sexuelle Funktionsstörung
2. Sexueller Reaktionszyklus und mögliche Symptome
3. Formen funktioneller Sexualstörungen im Überblick
4. Entstehungsbedingungen
5. Behandlungsmöglichkeiten
6. Aktuelle Daten
7. Literaturhinweise
1. Sexuelle Funktionsstörung
Unter sexueller Funktionsstörung versteht man alle Beeinträchtigungen der Sexualität unabhängig von deren Ursachen.
Aus wissenschaftshistorischen und fachlich/praktischen Gründen wird eine Aufteilung in körperlich (sexuelle Dysfunktion) und psychisch bedingte Störungen (funktionelle Sexualstörungen) vorgenommen, obwohl diese Aufteilung aus psychosomatischer Sicht problematisch ist. Denn die seelische Befindlichkeit beeinflusst den Körper und körperliche Krankheiten schlagen sich seelisch nieder.
Kennzeichen sexueller Funktionsstörungen sind:
- Beeinträchtigung des sexuellen Verhaltens und Erlebens
- Physiologische Beeinträchtigungen
- Störungen im Ablauf des sexuellen Reaktionszyklus
- Störungen des Verlangens
- Schmerzen beim Sex oder Behinderung des Geschlechtsverkehrs
Bei funktionellen Sexualstörungen werden primäre (seit Beginn der Sexualität) und sekundäre Störungen (tritt erst nach einer gewissen symptomfreien Zeit auf) unterschieden. Kurzfristig oder einmalig auftretende sexuelle Probleme, welche die meisten Menschen schon erlebt haben, werden nicht als Störung von Krankheitswert betrachtet.
2. Sexueller Reaktionszyklus und mögliche Symptome
Das gängigste Modell zur sexuellen Reaktion stammt von MASTERS & JOHNSON (1967) welche die sexuelle Reaktion in vier Phasen einteilten:
- Erregungsphase
- Plateauphase – Phase vor dem Orgasmus
- Orgasmusphase
- Rückbildungsphase
Sexuelle Probleme/Beschwerden wie "Ich mag nicht", "Ich spüre nichts", "Es geht nichts mehr", "Ich habe Angst", "Ich habe keine Kontrolle", "Ich komme nicht", "Ich schäme mich", "Ich habe Schmerzen beim Eindringen", "Ich verkrampfe mich" können im gesamten Verlauf der sexuellen Reaktion auftreten.
3. Formen funktioneller Sexualstörungen im Überblick
Zur Unterteilung funktioneller Sexualstörungen werden organisch bedingte Störungen ausgeschlossen.
1. Störungen des sexuellen Verlangens
- Anhaltende und deutliche Verminderung des sexuellen Verlangens
- Sexuelle Aversion, Ekel, Ängste
- Exzess: Nymphomanie bei der Frau, Satyrismus beim Mann
2. Störungen der sexuellen Erregung
- Weibliche Erregungsstörungen: Erregung im Hinblick auf Dauer und Stärke nicht ausreichend für befriedigenden Geschlechtsverkehr
- Erektionsstörungen beim Mann: Erektion im Hinblick auf Dauer und Stärke nicht ausreichend für befriedigenden Geschlechtsverkehr
3. Orgasmusstörungen
- Orgasmusschwierigkeiten bei der Frau: Orgasmus nie oder selten
- Vorzeitige Ejakulation beim Mann: Samenerguss schon vor oder beim Einführen des Penis in die Scheide oder unmittelbar danach.
- Ausbleibende Ejakulation beim Mann: Trotz voller Erektion und intensiver Reizung kein Samenerguss, Anorgasmie
- Ejakulation ohne Orgasmus: Samenerguss ohne Lust- und Orgasmusgefühl
4. Störungen mit sexuell bedingten Schmerzen
- Dyspareunie: Wiederkehrende oder anhaltende Schmerzen in Verbindung mit dem Geschlechtsverkehr
- Vaginismus bei der Frau :Unwillkürliche und reflexartige Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur und des äusseren Drittels der Vagina. Die Verkrampfung tritt beim Koitusversuch auf.
5. Andere sexuelle Funktionsstörungen, nicht näher bezeichnete sexuelle Funktionsstörung
z.B. Nachorgastische Verstimmung: Gereiztheit, innere Unruhe, Schlafstörungen, Weinanfälle, Missempfindungen im Genitalbereich usw.
4. Entstehungsbedingungen
Das lerntheoretische Erklärungsmodell sexueller Störungen geht einerseits von vielfältigen Entstehungsbedingungen aus, andererseits beinhaltet es die konkreten aufrechterhaltenden Bedingungen, die sich aus den Lerngesetzen ableiten lassen.
Auslösende oder aufrechterhaltende Faktoren können sein: Stress, Beziehungsprobleme, fehlende Aufklärung, Sexuelle Traumatisierung, sexuelle Ängste, körperliche Beeinträchtigung, Leistungsängste, Selbstunsicherheit, Idealvorstellungen, sexuell ungünstige Lerngeschichte.
Das erste vielleicht zufällige Auftreten einer sexuellen Funktionsstörung kann bei entsprechender Disposition (z.B. Selbstunsicherheit, Idealvorstellungen, etc.) zur Angst führen, sexuell zu versagen.
(Erwartungs)angst und überkritische Selbstbeobachtung stört Erregung und Lust, unangenehme Erfahrungen können sich wiederholen, denn die psychisch /seelische Befindlichkeit wirkt auf die körperliche Funktion und umgekehrt. Die bestehende(n) Angst/Ängste werden aufrechterhalten.
Somit ist Angst eine aufrechterhaltende und auslösende Bedingung für sexuelle Störungen. Völlige Vermeidung von Sexualität oder Rückzug auf eine Zuschauerrolle (inneres Vermeiden) chronifiziert die Störung. Eine negative Reaktion des Partners kann das Vermeideverhalten verfestigen.
5. Behandlungsmöglichkeiten
Der erste Behandlungsschritt bei sexuellen Funktionsstörungen ist Beratung und Wissensvermittlung - weiterführend empfiehlt sich eine Sexualtherapie.
Sexualtherapien sind Psychotherapien mit edukativen, übenden und kommunikativen Komponenten (WENDT 1979). Ziel ist einen positiven Zugang zur Sexualität zu vermitteln, respektive bestehende Blockaden aufzulösen. Auch bei Störungen mit körperlichen Ursachen ist unter Akzeptanz nicht veränderbarer Gegebenheiten ein befriedigendes Liebesleben möglich.
Bei Sexualtherapien wird zuerst mit dem Patienten/der Patientin, oder dem Paar - ein persönliches Problemverständnis erarbeitet, in welches über das sexuelle Symptom hinausgehende Probleme/Beschwerden einfliessen. Besteht eine Liebesbeziehung, wird die Arbeit mit dem Paar gegenüber der Einzeltherapie bevorzugt. Man nimmt an, dass es in einer intimen Beziehung keinen unbeteiligten Partner gibt, und beide an der Aufrechterhaltung des Problems beteiligt sind. Die individuellen Behandlungsziele werden gemeinsam formuliert und im Behandlungsplan umgesetzt. Alle Interventionen werden ausführlich mit dem Therapeut/ der Therapeutin besprochen, um einerseits Schwierigkeiten auszuräumen und andererseits neue sexuelle Erfahrungen gedanklich und gefühlsmässig durchzuarbeiten.
Eine erfolgreiche Basistechnik der Sexualtherapie ist das Sensualitätstraining nach (MASTERS & JOHNSON 1973), welches je nach Störung variiert wird. Das Sensualitätstraining ist ein gestuftes Sinnestraining ohne Geschlechtsverkehr bei dem Paare gegenseitig Zärtlichkeiten austauschen, anfangs ohne Einbezug des Genitalbereiches. In der zweiten Stufe werden – wenn auch nicht zu intensiv - Genitalien einbezogen.
Bei der Behandlung von psychogener Anorgasmie haben sich zudem verhaltenstherapeutisch/ sexualtherapeutischen Methoden wie Selbsterforschung/Selbstbefriedigung und auch körpertherapeutische Methoden ( z.B. Beckenbodenmuskeltraining) bewährt.
Selbstwahrnehmungsübungen sind der Selbstkontrolle und dem Lustgefühl dienlich, was einen positiven Zugang zur Sexualität fördert und in die partnerschaftliche Sexualität übernommen werden kann.
Masturbationsübungen sind deswegen auch ein Bestandteil bei der Behandlung von vorzeitiger Ejakulation, insbesondere die Stop-Start Technik (SEMANS 1965). Dabei lernt der Patient, bei der Masturbation auf sein Erregungsniveau zu achten, und seine Empfindungen richtig zu interpretieren. Durch Unterbrechung der Selbstmasturbation und Fokussieren lernt der Mann den Punkt ohne Wiederkehr als kritische Schwelle zu erkennen und kann den Punkt immer länger hinausschieben. Masturbation kombiniert mit Sexualphantasien ist eine weitere Übungsmöglichkeit. Wird mit einem Paar sexualtherapeutisch gearbeitet, kann die Frau den Mann mit der Stop-Start Methode stimulieren und/oder die “ Squeeze “ Technik anwenden. Dabei übt die Frau mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger Druck auf die Eichel des Mannes aus, worauf der Ejakulationsdrang nachlässt. Weitere gestufte Methoden werden eingesetzt.
Gegebenenfalls wird bei relevanten Beziehungsproblemen eine Paar- , Kommunikationstherapie ergänzt. In Rahmen der Paartherapie werden Beziehungsprobleme bearbeitet, die sich hinderlich auf die gemeinsame Sexualität auswirken. Durch Verbesserung der Kommunikation wird insgesamt der partnerschaftliche Austausch gefördert, insbesondere wird auch gelernt, sexuelle Bedürfnisse anzusprechen.
6. Aktuelle Daten
Studien an der Allgemeinbevölkerung (Spector & Carey 1990) zeigen, dass 4 bis 9 % der Männer Erektionsstörungen, 4 bis 10 % ausbleibende oder vorzeitige Ejakulationen erleben. Klinische Studien ergeben im Gegensatz dazu höhere Zahlen bei Ejakulationsstörungen. Demographisch repräsentative Daten aus den USA (1999) ergeben ein relativ häufiges Auftreten von sexuellen Störungen (31%). Dabei ist aber nicht klar, ob es sich um Störungen von Krankheitswert handelt.
Die Prävalenz sexueller Funktionsstörungen bei Frauen ist hoch, sie schwankt aber zwischen 25 und 63 % (Laumann et. Al. 1999, Spector & Carey, 1990 ). Frauen klagen vor allem über fehlendes oder mangelndes Interesse an Sex und Orgasmusstörungen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sie Auftretenshäufigkeit sexueller Störungen in der Gesamtbevölkerung als hoch angenommen werden muss.
7. Literaturhinweise
Selbsthilfeliteratur:
- Barbach, L.: For yourself. Die Erfüllung weiblicher Sexualität. (1977). Berlin. Ullstein Verlag
- Barbach, L., Levine, L.: Fühlst Du mich ? (1994) Berlin. Ullstein Verlag
- Friday, N.: Die sexuellen Phantasien der Frauen. (1988) Rororo
- Haeberle, E.J.: Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas, (1983) Berlin
- Hinsch, R., Wittman, S.: Auf andere zugehen. Kommunikationstraining (1997). Berlin, Urania.
- Nuber, U. (Hrsg.) Frauen und Sexualität, (1993) Heyne, München
- Zettl,S., Hartlapp, J.: Krebs und Sexualität.(2002) Berlin, Weingärtner Verlag
- Zilbergeld, B.: Männliche Sexualität. (1983) Tübingen, DGVT-Verlag
- Zilbergeld, B.: Die neue Sexualität der Männer (1994) Tübingen, DGVT-Verlag
Romane zum Thema Sexualforschung und Liebesleben:
- Boyle, T.C.: Dr. Sex. (2005). München. Carl Hanser Verlag
- Shalev, Z.: Liebesleben (2000). Berlin. Berlin Verlag
Autorin
Diplom Psychologin Sonja Sterchi – Birzle
Psychotherapeutin FSP/SGVT, Sexualtherapeutin KLVT
Schaffhauserstrasse 24
8006 Zürich
Tel:044 350 45 44
Für Fragen oder Anregungen zur Benutzung und Gestaltung dieser Web-Seiten
senden Sie bitte ein E-Mail an den Webmaster.
Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 13. Juli 2009
