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Samstag, 31. Juli 2010

Zwangsstörungen

Inhalt

Was ist eine Zwangsstörung?
Typische Erscheinungsformen der Zwangsstörung
Wie entwickelt sich eine Zwangsstörung?
Wie werden Zwangsstörungen behandelt?

Einige Fakten zur Zwangsstörung
Literatur zur Selbsthilfe

Was ist eine Zwangsstörung?

Üblicherweise besteht eine Zwangsstörung aus Zwangsgedanken und Zwangsritualen, die in einer spezifischen Ablaufdynamik miteinander verbunden sind.

Zwangsgedanken
Zwangsgedanken sind lästige unwillkürliche Gedanken, Impulse oder bildhafte Vorstellungen, die sich einer Person aufdrängen. Je unannehmbarer und angsterzeugender ein solcher aufdringlicher Gedanke für die betroffene Person ist, umso unbehaglicher und ängstlicher wird sie sich fühlen, wenn der Gedanke auftritt (ein Beispiel ist der gedankliche Impuls einer fürsorglichen Mutter, sie könnte ihr Kind umbringen).
Zwangsgedanken putschen Betroffene gefühlsmässig auf und sind begleitet vom starken Drang, dagegen anzukämpfen bzw. etwas zu tun, um befürchtete Konsequenzen zu verhindern.

Zwangsrituale
Zwangsrituale sind willkürlich ausgeführte stereotype Verhaltensweisen als Reaktion auf einen Zwangsgedanken. Zwangsrituale sind von aussen beobachtbar (z.B. waschen, kontrollieren, sammeln und horten) oder laufen verdeckt ab (z.B. grübeln, zählen, das Richtige denken).
Zwangsrituale dienen zur Beruhigung der Betroffenen. Sie tragen zu einer vorübergehenden Erleichterung der Person bei bzw. sind mit der Vorstellung verbunden, dass das Unbehagen noch weiter ansteigt, wenn diese Verhaltensweisen nicht ausgeführt würden.

Ablaufdynamik
Die Dynamik einer Zwangsstörung kann typischerweise so beschrieben werden: Aufgrund der Konfrontation mit externen Auslösern (befürchtete Situationen) oder auch ohne äusseren Anlass erleben Betroffene aufdringliche Gedanken, Impulse oder bildhafte Vorstellungen, die unwillkürlich auftreten (Zwangsgedanken). Diese werden als unakzeptierbar empfunden und führen zu grossem Unbehagen und Angst. Diese Angst drängt die Betroffenen, zu reagieren und sie zu bekämpfen suchen (Zwangsrituale). Die Zwangsrituale wiederum halten die durch die Zwangsgedanken ausgelösten Befürchtungen am Leben. Der Teufelskreis schliesst sich.

Typische Erscheinungsformen der Zwangsstörung

Zwänge können eine unglaubliche Vielfalt von Formen und Variationen annehmen. Die wichtigsten Erscheinungsformen sind:
Zwangsgedanken treten als Befürchtungen (z.B. „Habe ich bei der letzten Strassenkreuzung einen Radfahrer angefahren und verletzt?“), gedankliche Impulse (z.B. „Ich könnte mein Kind an die Wand knallen“) oder bildhafte Vorstellungen (z.B. Bilder von Enthauptungen) auf.
Bei den Zwangsritualen unterscheidet man zwischen offenen (beobachtbaren) und verdeckten (mentalen) Ritualen.
Als offene Zwangsrituale treten auf: Kontrollzwänge (z.B. wiederholtes Kontrollieren von Türen, Fenstern, elektrischen Geräten), Waschzwänge (z.B. häufiges Händewaschen ohne feststellbare Verschmutzung), Ordnungszwänge (z.B. Dinge werden zurechtgerückt, bis sie „am richtigen Platz“ stehen, Sammel- und Hortzwänge (z.B. Sammeln und Aufbewahren nutzloser Dinge), Wiederholungszwänge (z.B. eine Handlung so oft wiederholen, bis man das Gefühl hat, es sei jetzt „richtig“ so), Zwanghafte Langsamkeit (z.B. stundenlange anstrengende Morgentoilette).
Als verdeckte mentale bzw. kognitive Zwangsrituale sind bekannt: Zwanghaftes Grübeln (z.B. angestrengt über Dinge nachdenken, worüber sich andere Menschen kaum je Gedanken machen), Zählen (z.B. die Anzahl Wörter von gesprochenen Sätzen), das „Richtige denken“ (z.B. zur Verhinderung eines Unglücks bei Familienangehörigen).

Wie entwickelt sich eine Zwangsstörung

Die Zwangsstörung präsentiert sich als Resultat vielfältiger Vorbedingungen und Auslösebedingungen.

Wahrscheinlich sind Menschen, für die die Themen Verantwortlichkeit und Schuld in ihrer Biografie zentral geworden sind, Menschen, die wenig Selbstvertrauen entwickeln konnten und von Zweifeln und Unsicherheit geplagt werden, Menschen, die besonders aufmerksam auf Veränderungen sind und die bei sich und der Welt häufig auf der Suche sind, ihr Gefühl der Unvollständigkeit irgendwie beheben zu können, eher anfällig dafür, eine Zwangsstörung zu entwickeln.
Erschütterungen durch Lebensereignisse, aber auch neue Anforderungen, führen zu Gefühlskonfusionen, für die diese Menschen nicht gut gerüstet sind, vielleicht auch deshalb, weil sie nicht immer klar zwischen Realität und Vorstellung unterscheiden können. Die Bewältigung ihrer Probleme mithilfe von Zwangsritualen führt zunehmend zu einer Eigendynamik der Zwangsstörung, die sich auch unter veränderten Bedingungen weiter am Leben hält.

Wie werden Zwangsstörungen behandelt?

Bei der Behandlung der Zwangsstörungen geht es in aller Regel zunächst um eine Veränderung der Zwangssymptomatik, die bei der Ablaufdynamik der Zwänge ansetzt. In Ergänzung dazu kommt auch eine Bearbeitung von dem Zwang zugrundeliegenden Problemen in Betracht.
Die beiden Ebenen der Veränderung sind nicht als Entweder-Oder zu sehen, sondern ergänzen sich idealerweise. Bei der Behandlung steht jedoch zunächst in der Regel der störungsspezifische Aspekt im Vordergrund: Die Zwangssymptomatik hat im Lauf der Zeit eine Eigendynamik entwickelt, die sich selbst verstärkt, und die den Zwang auch unabhängig von der jeweiligen zugrunde liegenden Problematik am Leben hält. So sind wir auch dezidiert der Meinung, dass bei einer ausgeprägten chronifizierten Zwangsstörung kein Weg an einer störungsspezifischen, d.h. direkt auf die Zwangsdynamik zielenden, Therapie vorbeiführt.
Da die Zwangssymptomatik eine Eigendynamik entwickelt, die den Zwang auch ohne die zugrunde liegenden Probleme am Leben hält, steht der störungsspezifische Aspekt der Veränderung der Zwangssymptomatik in den allermeisten Fällen im Vordergrund der Behandlung.
Die therapeutischen Ansatzpunkte ergeben sich bei der Zwangssymptomatik aus ihrer Ablaufdynamik:

Wenn die Entwicklung einer Zwangssymptomatik einen mehr oder weniger gelungenen Lösungsversuch eines zugrunde liegenden Konfliktes – intrapsychisch oder interaktionell – darstellt, soll die Behandlung um eine Bearbeitung von dem Zwang zugrunde liegenden Problemen ergänzt werden.

Therapeutische Ziele sind im Falle von Traumata und Konflikte deren Klärung, im Falle von Entwicklungsdefiziten Hilfe zu Bewältigungsstrategien. Die therapeutischen Interventionen sind unterschiedlich, je nachdem stärker auf Verstehen oder Bewältigen orientiert.

Arbeit an ungelösten Konflikten und Traumata
Ziel ist es, eine Klärung der Konflikte zu erreichen, so dass Betroffene sich selbst, ihr Verhalten und Erleben besser verstehen können, um sich besser annehmen und/oder bewusst anders als bisher verhalten zu können.

Arbeit an Entwicklungsdefiziten
Ziel ist es, Betroffenen neue Wege zur Bewältigung von Unsicherheiten aufzuzeigen. Sei es grössere Gelassenheit zu entwickeln im Umgang mit Verunsicherungen, Anforderungen und Risiken, sei es sozial kompetente Verhaltensweisen zu erlernen, um sich für die eigenen Bedürfnisse und Interessen besser einsetzen zu können.

Einige Fakten zur Zwangsstörung

Die Zwangsstörung ist weltweit und in verschiedenen Kulturen ähnlich verbreitet. Die Lebenszeitprävalenz liegt bei der Allgemeinbevölkerung zwischen 2 und 3% und die Einjahresprävalenz liegt zwischen 0,5 und 2,1%. Die Zwangsstörung ist demnach nach den Phobien, der Depression und den Suchterkrankungen die vierthäufigste psychische Störung. Kontroll- und Waschzwänge sind die häufigsten Erscheinungsformen der Zwangsstörung.
Der Beginn der Störung liegt in der Regel sehr früh. Zirka 20% der PatientInnen sind bereits in der Kindheit davon betroffen, bei den meisten beginnt die Störung in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter.
Frauen und Männer sind im Verhältnis von 55% zu 45% etwa gleich häufig von Zwangsstörungen betroffen. Innerhalb von Familien treten Zwangsstörungen deutlich gehäuft auf.
Zwangsstörungen bei Erwachsenen vergehen, wenn sie sich einmal entwickelt haben, sehr selten wieder „von allein“. Ohne Behandlung nehmen sie meist einen chronischen Verlauf. Davon Betroffene versuchen typischerweise, ihre Störung möglichst lange vor den engsten Angehörigen zu verbergen und es dauert im Durchschnitt etwa 7,5 Jahre nach Beginn der Störung, bis sie um Behandlung nachsuchen.
Die Zwangsstörung tritt häufig zusammen mit anderen psychischen Störungen auf. Am häufigsten treten affektive Störungen mit Zwangsstörungen auf, gefolgt von Angststörungen. Auch Persönlichkeitsstörungen treten häufig zusammen mit Zwangsstörungen auf, am häufigsten vermeidend-selbstunsichere, dependente und zwanghafte Persönlichkeitsstörungen.

Literatur zur Selbsthilfe

Internet-Links

externer Link folgtwww.zwang.ch (Schweiz. Gesellschaft für Zwangsstörungen SZG)
externer Link folgtwww.zwaenge.de (Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen DGZ)

Link zur Adresse des Autors

Homepage zusammen mit Dr. phil. Barbara Meier: „Wege aus dem Zwang“: externer Link folgtwww.zwangsstörung.ch
Dr. phil. Hansruedi Ambühl
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP
Psychotherapeutische Praxisgemeinschaft
Aarbergergasse 46
3011 Bern
Tel 031 312 55 05
hansruedi.ambuehl@dont-want-spamsunrise.ch

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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 13. Juli 2009