Zwangsstörungen
Inhalt
Was ist eine Zwangsstörung?
Typische Erscheinungsformen der Zwangsstörung
Wie entwickelt sich eine Zwangsstörung?
Wie werden Zwangsstörungen behandelt?
Einige Fakten zur Zwangsstörung
Literatur zur Selbsthilfe
Was ist eine Zwangsstörung?
Üblicherweise besteht eine Zwangsstörung aus Zwangsgedanken und Zwangsritualen, die in einer spezifischen Ablaufdynamik miteinander verbunden sind.
Zwangsgedanken
Zwangsgedanken sind lästige unwillkürliche Gedanken, Impulse oder bildhafte Vorstellungen, die sich einer Person aufdrängen. Je unannehmbarer und angsterzeugender ein solcher aufdringlicher Gedanke für die betroffene Person ist, umso unbehaglicher und ängstlicher wird sie sich fühlen, wenn der Gedanke auftritt (ein Beispiel ist der gedankliche Impuls einer fürsorglichen Mutter, sie könnte ihr Kind umbringen).
Zwangsgedanken putschen Betroffene gefühlsmässig auf und sind begleitet vom starken Drang, dagegen anzukämpfen bzw. etwas zu tun, um befürchtete Konsequenzen zu verhindern.
Zwangsrituale
Zwangsrituale sind willkürlich ausgeführte stereotype Verhaltensweisen als Reaktion auf einen Zwangsgedanken. Zwangsrituale sind von aussen beobachtbar (z.B. waschen, kontrollieren, sammeln und horten) oder laufen verdeckt ab (z.B. grübeln, zählen, das Richtige denken).
Zwangsrituale dienen zur Beruhigung der Betroffenen. Sie tragen zu einer vorübergehenden Erleichterung der Person bei bzw. sind mit der Vorstellung verbunden, dass das Unbehagen noch weiter ansteigt, wenn diese Verhaltensweisen nicht ausgeführt würden.
Ablaufdynamik
Die Dynamik einer Zwangsstörung kann typischerweise so beschrieben werden: Aufgrund der Konfrontation mit externen Auslösern (befürchtete Situationen) oder auch ohne äusseren Anlass erleben Betroffene aufdringliche Gedanken, Impulse oder bildhafte Vorstellungen, die unwillkürlich auftreten (Zwangsgedanken). Diese werden als unakzeptierbar empfunden und führen zu grossem Unbehagen und Angst. Diese Angst drängt die Betroffenen, zu reagieren und sie zu bekämpfen suchen (Zwangsrituale). Die Zwangsrituale wiederum halten die durch die Zwangsgedanken ausgelösten Befürchtungen am Leben. Der Teufelskreis schliesst sich.
Typische Erscheinungsformen der Zwangsstörung
Zwänge können eine unglaubliche Vielfalt von Formen und Variationen annehmen. Die wichtigsten Erscheinungsformen sind:
Zwangsgedanken treten als Befürchtungen (z.B. „Habe ich bei der letzten Strassenkreuzung einen Radfahrer angefahren und verletzt?“), gedankliche Impulse (z.B. „Ich könnte mein Kind an die Wand knallen“) oder bildhafte Vorstellungen (z.B. Bilder von Enthauptungen) auf.
Bei den Zwangsritualen unterscheidet man zwischen offenen (beobachtbaren) und verdeckten (mentalen) Ritualen.
Als offene Zwangsrituale treten auf: Kontrollzwänge (z.B. wiederholtes Kontrollieren von Türen, Fenstern, elektrischen Geräten), Waschzwänge (z.B. häufiges Händewaschen ohne feststellbare Verschmutzung), Ordnungszwänge (z.B. Dinge werden zurechtgerückt, bis sie „am richtigen Platz“ stehen, Sammel- und Hortzwänge (z.B. Sammeln und Aufbewahren nutzloser Dinge), Wiederholungszwänge (z.B. eine Handlung so oft wiederholen, bis man das Gefühl hat, es sei jetzt „richtig“ so), Zwanghafte Langsamkeit (z.B. stundenlange anstrengende Morgentoilette).
Als verdeckte mentale bzw. kognitive Zwangsrituale sind bekannt: Zwanghaftes Grübeln (z.B. angestrengt über Dinge nachdenken, worüber sich andere Menschen kaum je Gedanken machen), Zählen (z.B. die Anzahl Wörter von gesprochenen Sätzen), das „Richtige denken“ (z.B. zur Verhinderung eines Unglücks bei Familienangehörigen).
Wie entwickelt sich eine Zwangsstörung
Die Zwangsstörung präsentiert sich als Resultat vielfältiger Vorbedingungen und Auslösebedingungen.
Wahrscheinlich sind Menschen, für die die Themen Verantwortlichkeit und Schuld in ihrer Biografie zentral geworden sind, Menschen, die wenig Selbstvertrauen entwickeln konnten und von Zweifeln und Unsicherheit geplagt werden, Menschen, die besonders aufmerksam auf Veränderungen sind und die bei sich und der Welt häufig auf der Suche sind, ihr Gefühl der Unvollständigkeit irgendwie beheben zu können, eher anfällig dafür, eine Zwangsstörung zu entwickeln.
Erschütterungen durch Lebensereignisse, aber auch neue Anforderungen, führen zu Gefühlskonfusionen, für die diese Menschen nicht gut gerüstet sind, vielleicht auch deshalb, weil sie nicht immer klar zwischen Realität und Vorstellung unterscheiden können. Die Bewältigung ihrer Probleme mithilfe von Zwangsritualen führt zunehmend zu einer Eigendynamik der Zwangsstörung, die sich auch unter veränderten Bedingungen weiter am Leben hält.
Wie werden Zwangsstörungen behandelt?
Bei der Behandlung der Zwangsstörungen geht es in aller Regel zunächst um eine Veränderung der Zwangssymptomatik, die bei der Ablaufdynamik der Zwänge ansetzt. In Ergänzung dazu kommt auch eine Bearbeitung von dem Zwang zugrundeliegenden Problemen in Betracht.
Die beiden Ebenen der Veränderung sind nicht als Entweder-Oder zu sehen, sondern ergänzen sich idealerweise. Bei der Behandlung steht jedoch zunächst in der Regel der störungsspezifische Aspekt im Vordergrund: Die Zwangssymptomatik hat im Lauf der Zeit eine Eigendynamik entwickelt, die sich selbst verstärkt, und die den Zwang auch unabhängig von der jeweiligen zugrunde liegenden Problematik am Leben hält. So sind wir auch dezidiert der Meinung, dass bei einer ausgeprägten chronifizierten Zwangsstörung kein Weg an einer störungsspezifischen, d.h. direkt auf die Zwangsdynamik zielenden, Therapie vorbeiführt.
Da die Zwangssymptomatik eine Eigendynamik entwickelt, die den Zwang auch ohne die zugrunde liegenden Probleme am Leben hält, steht der störungsspezifische Aspekt der Veränderung der Zwangssymptomatik in den allermeisten Fällen im Vordergrund der Behandlung.
Die therapeutischen Ansatzpunkte ergeben sich bei der Zwangssymptomatik aus ihrer Ablaufdynamik:
- Konfrontation mit den Angst auslösenden Situationen (Exposition). Ziel ist es, Betroffenen die Erfahrung zu ermöglichen, gefürchtete und vermiedene Situationen ohne Zwangsrituale aushalten und bewältigen zu können, und dass Angst und Anspannung auch ohne neutralisierende Massnahmen abnehmen (habituieren). Zu einer Exposition gehört immer auch das entsprechende Reaktionsmanagement.
- Umgang mit Zwangsgedanken. Ziel ist es, Betroffenen einen anderen Umgang mit Zwangsgedanken zu ermöglichen, indem sie sie vorbeiziehen lassen, sich daran gewöhnen und sie anders bewerten können.
- Umgang mit negativen Gefühlen. Ziel ist es, Betroffenen mit geeigneten Informationen und mit Copingstrategien (z.B. Entspannungsverfahren) zu helfen, die negativen Gefühle von Anspannung, Unruhe, Unbehagen oder Angst auszuhalten, ohne dem Drang zur Ausübung der Zwangsrituale nachzugeben.
- Veränderung der Zwangsrituale (Reaktionsmanagement). Ziel ist es, dass Betroffene die Neutralisierungen unterlassen können, weil die Zwangsrituale den eigentlichen Motor der Zwangsstörung darstellen. Zu einem Reaktionsmanagement gehört immer auch die Exposition.
Wenn die Entwicklung einer Zwangssymptomatik einen mehr oder weniger gelungenen Lösungsversuch eines zugrunde liegenden Konfliktes – intrapsychisch oder interaktionell – darstellt, soll die Behandlung um eine Bearbeitung von dem Zwang zugrunde liegenden Problemen ergänzt werden.
Therapeutische Ziele sind im Falle von Traumata und Konflikte deren Klärung, im Falle von Entwicklungsdefiziten Hilfe zu Bewältigungsstrategien. Die therapeutischen Interventionen sind unterschiedlich, je nachdem stärker auf Verstehen oder Bewältigen orientiert.
Arbeit an ungelösten Konflikten und Traumata
Ziel ist es, eine Klärung der Konflikte zu erreichen, so dass Betroffene sich selbst, ihr Verhalten und Erleben besser verstehen können, um sich besser annehmen und/oder bewusst anders als bisher verhalten zu können.
Arbeit an Entwicklungsdefiziten
Ziel ist es, Betroffenen neue Wege zur Bewältigung von Unsicherheiten aufzuzeigen. Sei es grössere Gelassenheit zu entwickeln im Umgang mit Verunsicherungen, Anforderungen und Risiken, sei es sozial kompetente Verhaltensweisen zu erlernen, um sich für die eigenen Bedürfnisse und Interessen besser einsetzen zu können.
Einige Fakten zur Zwangsstörung
Die Zwangsstörung ist weltweit und in verschiedenen Kulturen ähnlich verbreitet. Die Lebenszeitprävalenz liegt bei der Allgemeinbevölkerung zwischen 2 und 3% und die Einjahresprävalenz liegt zwischen 0,5 und 2,1%. Die Zwangsstörung ist demnach nach den Phobien, der Depression und den Suchterkrankungen die vierthäufigste psychische Störung. Kontroll- und Waschzwänge sind die häufigsten Erscheinungsformen der Zwangsstörung.
Der Beginn der Störung liegt in der Regel sehr früh. Zirka 20% der PatientInnen sind bereits in der Kindheit davon betroffen, bei den meisten beginnt die Störung in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter.
Frauen und Männer sind im Verhältnis von 55% zu 45% etwa gleich häufig von Zwangsstörungen betroffen. Innerhalb von Familien treten Zwangsstörungen deutlich gehäuft auf.
Zwangsstörungen bei Erwachsenen vergehen, wenn sie sich einmal entwickelt haben, sehr selten wieder „von allein“. Ohne Behandlung nehmen sie meist einen chronischen Verlauf. Davon Betroffene versuchen typischerweise, ihre Störung möglichst lange vor den engsten Angehörigen zu verbergen und es dauert im Durchschnitt etwa 7,5 Jahre nach Beginn der Störung, bis sie um Behandlung nachsuchen.
Die Zwangsstörung tritt häufig zusammen mit anderen psychischen Störungen auf. Am häufigsten treten affektive Störungen mit Zwangsstörungen auf, gefolgt von Angststörungen. Auch Persönlichkeitsstörungen treten häufig zusammen mit Zwangsstörungen auf, am häufigsten vermeidend-selbstunsichere, dependente und zwanghafte Persönlichkeitsstörungen.
Literatur zur Selbsthilfe
- Hansruedi Ambühl. Frei werden von Zwangsgedanken. Patmos Verlagshaus, 2008.
Ratgeber für Betroffene von Zwangsgedanken und kognitiven Ritualen. - Hansruedi Ambühl. Wege aus dem Zwang. Wie Sie Zwangsrituale verstehen und überwinden. Düsseldorf: Walter Verlag, 2004.
Ein Buch für Betroffene einer Zwangsstörung und deren Angehörige, das zunächst Merkmale des Zwangs, typische Erscheinungsbilder und Faktoren der Entwicklung und Aufrechterhaltung beschreibt und danach konkrete Möglichkeiten zur Selbsthilfe erläutert. - Hansruedi Ambühl und Barbara Meier. Zwang verstehen und behandeln. Ein kognitiv-verhaltenstherapeutischer Zugang. Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta, 2003.
Hintergrundinformationen über Ursachen, Hinweise zur Diagnostik, Überlegungen zur «Logik» des Zwangs sowie die Darstellung eines integrativen Behandlungskonzeptes. Es wird ein umfassendes Bild der Störung und ihrer Veränderung auch für Betroffene vermittelt. Für Interessierte, die sich eingehender mit dem Thema auseinandersetzen wollen. - Lee Baer. Alles unter Kontrolle. Zwangsgedanken und Zwangshandlungen überwinden. Bern: Huber, 2001.
Konkrete Anleitungen zur Selbsthilfe. Betroffene und ihre Angehörigen werden bei einer schrittweisen Überwindung der Zwangsrituale mit vielen konkreten Anweisungen begleitet. Die ideale Begleitung für die schrittweise Erarbeitung von Übungs- und Fernzielen. - Nicolas Hoffmann. Wenn Zwänge das Leben einengen. Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Ursachen, Behandlungsmethoden und Möglichkeiten der Selbsthilfe. Mannheim: PAL, 1990.
Differenzierte und einfühlsame Beschreibung verschiedener Zwangssymptome. Möglichkeiten der Selbsthilfe und der Unterstützung Betroffener werden anschaulich und konkret vermittelt. Ein 'Klassiker' für Betroffene. Das Buch ist u.E. notwendig und am geeignetsten für den Einstieg in die Thematik, sowohl für Betroffene als auch ihre Angehörigen. - Lee Baer. Der Kobold im Kopf. Bern: Huber 2003.
Erklärungen zu Natur, Mechanismus und Bedeutung aufdringlicher Gedanken. Viele Beispiele verdeutlichen den angestrebten therapeutischen Weg eines anderen Umgangs mit Zwangsgedanken. V.a. für Betroffene geeignet, bei denen Zwangsgedanken im Vordergrund stehen. - Jeffrey Schwartz (mit Beverly Beyette). Zwangshandlungen und wie man sich davon befreit. Frankfurt a.M.: Fischer, 1999.
Ein Programm zur Selbstbehandlung von Zwangsstörungen. Betroffene lernen mit vielen anschaulichen Beispielen die vier Schritte Neu-Benennen, Neu-Zuordnung, Neu-Einstellen und Neu-Bewerten kennen. Hilfreiche Unterstützung bei der Distanzierung gegenüber Zwangsphänomenen. - Ulrike S., Gerhard Crombach und Hans Reinecker. Bericht einer Betroffenen für ihre Leidensgefährten. Vandenhoeck & Ruprecht, 1996.
Die Leidens- und Genesungsgeschichte einer Patientin mit einer Zwangsstörung. Die Erfahrungen werden gebündelt nach den therapeutischen Vorgehensweisen und den Faktoren der Veränderung. Für Betroffene, die Mut aus einem Modell schöpfen können. - Ulrike S., Gerhard Crombach und Hans Reinecker. Hilfreiche Briefe an Zwangskranke. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2002.
Erfahrungen als Ko-Therapeutin aus der Begleitung Betroffener. Vielfältige Beispiele vermitteln konkrete Handlungsideen, wie Betroffene in Therapien ihren Zwang bekämpfen können.
Internet-Links
www.zwang.ch (Schweiz. Gesellschaft für Zwangsstörungen SZG)
www.zwaenge.de (Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen DGZ)
Link zur Adresse des Autors
Homepage zusammen mit Dr. phil. Barbara Meier: „Wege aus dem Zwang“:
www.zwangsstörung.ch
Dr. phil. Hansruedi Ambühl
Fachpsychologe für Psychotherapie FSP
Psychotherapeutische Praxisgemeinschaft
Aarbergergasse 46
3011 Bern
Tel 031 312 55 05
hansruedi.ambuehl@sunrise.ch
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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 13. Juli 2009
