Aggressive Verhaltensstörungen
Inhalt
Was ist aggressives Verhalten?
Wie zeigt sich aggressives Verhalten?
Welche aggressiven Verhaltensstörungen gibt es?
Wie entstehen aggressive Verhaltensstörungen?
Wie werden diese Störungen behandelt?
Literaturhinweise
Was ist aggressives Verhalten?
Häufig reagieren Kinder aus Frust mit aggressivem Verhalten, wenn sie beispielsweise nicht das bekommen, was sie wollen. Aggressionen können bei Kindern auch etwas Spielerisches an sich haben. Testen, wer stärker ist, oder ein Versuch Konflikte zu lösen.
Aggressives Verhalten nimmt bis zum dritten Lebensjahr zu, bevor Kinder lernen, dass auch andere Strategien zum Ziel führen können z.B. Kompromisse aushandeln.
Von aggressivem Verhalten im negativen Sinn spricht man, wenn Kinder oder Jugendliche nur noch über körperliche oder verbale Angriffe mit Anderen Kontakt aufnehmen können oder wenn ernsthafte körperliche Angriffe über einen längeren Zeitraum auftreten. Die Folgen von aggressivem Verhalten sind meistens negativ. Beispielsweise lernen Kinder und Jugendliche keinen angemessenen Umgang mit Problemen, so dass Aggression als einziges Mittel zum Handeln angesehen wird.
Wie zeigt sich aggressives Verhalten?
Aggressives Verhalten kann sich sehr unterschiedlich äussern und reicht von Einschüchterungen und Bedrohungen bis zu körperlicher Gewalt, Zerstörung von Gegenständen, Überfällen oder schweren Regelverstössen.
Die Ausdrucksformen der Aggression sind unterschiedlich, wie in Tabelle 1 aufgeführt ist.
Tabelle 1. Verschiedene Ausdrucksformen der Aggression (Petermann & Petermann, 2005)
Ausdrucksform | Erläuterung |
Aktiv versus passiv | Aktiv meint eine aggressive Handlung des Täters, mit dem Ziel etwas Bestimmtes zu erreichen. Das Opfer ist in der passiven Rolle und wird durch das aggressive Verhalten geschädigt. |
Körperlich versus verbal | Körperlich aggressives Verhalten ist beispielsweise Schlagen, Treten oder Boxen. Anschreien oder Beschimpfen ist verbal aggressives Verhalten. |
Direkt versus verdeckt | Direktes aggressives Verhalten richtet sich direkt gegen eine andere Person und ist somit beobachtbar. Verdecktes oder hinterhältiges aggressives Verhalten ist nur schwer beobachtbar und nachweisbar. Dazu gehören z.B. Stehlen, Lügen oder auch ?Gerüchte in die Welt setzen.? |
Initiativ versus reaktiv versus parteigreifend | Mit diesen Formen wird das unterschiedliche Ausmass der Eigenbeteiligung angesprochen. Initiativ bedeutet das Ausführen einer aggressiven Handlung, um ein egoistisches Ziel zu erreichen. Es ist also eine hohe Eigenbeteiligung vorhanden. Reaktiv aggressives Verhalten meint, dass auf eine tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung eine aggressive Handlung folgt. Parteigreifend äussert sich darin, dass eine Person aus der Perspektive eines Beobachters für einen Aggressor Partei ergreift. |
Welche aggressiven Verhaltensstörungen gibt es?
Bei den aggressiven Verhaltensstörungen werden zwei Störungen unterschieden. Die Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten und die Störung des Sozialverhaltens.
Hauptmerkmale der Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten sind häufiges Auftreten von trotzigem, ungehorsamem oder feindseligem Verhalten gegenüber den Eltern oder anderen Erwachsenen. Kinder mit oppositionellem Trotzverhalten werden schnell wütend, streiten sich sehr häufig mit Erwachsenen, weigern sich Regeln oder Anweisungen zu befolgen resp. auszuführen. Die Schuld für eigene Fehler wird häufig auf andere abgeschoben. Sie reagieren schnell zornig und gereizt. Des Weiteren sind diese Kinder schnell beleidigt und oft nachtragend. Diese Verhaltensweisen treten in bestimmten Lebensphasen bei fast allen Kindern auf. Die Störung wird jedoch nur dann diagnostiziert, wenn die Verhaltensweisen häufiger auftreten als diese typischerweise bei Kindern im vergleichbaren Alter vorkommen, wenn das Verhalten über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten andauert und das Verhalten zu Beeinträchtigungen im sozialen oder schulischen Bereich führen.
Bei der Störung des Sozialverhaltens zeigt sich wiederholt ein Verhaltensmuster, bei dem grundlegende Rechte anderer sowie altersentsprechende Normen und Regeln verletzt werden. Die Symptome müssen mindestens ein Jahr andauern. Die häufigsten Symptome sind: mehrmalige Bedrohungen oder Einschüchterungen anderer, Beginn von Schlägereien, Quälen von Tieren, Einsatz von Waffen, Zerstörung von Eigentum, Betrug oder Diebstahl und schwere Regelverstösse wie Schuleschwänzen oder trotz Verbot über Nacht wegbleiben. Für die Vergabe einer Diagnose ist es wiederum wichtig, dass die Verhaltensweisen zu Beeinträchtigungen im sozialen, schulischen oder beruflichen Bereich führen.
Die Unterscheidung der beiden Störungen liegt in der Schwere und Art der gezeigten Verhaltensmuster. Bei der Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten liegen weniger schwerwiegende Symptome vor d.h., keine körperlich-aggressiven Handlungen gegenüber Menschen oder Tieren sowie keine delinquenten Verhaltensweisen.
Wie entstehen aggressive Verhaltensstörungen?
Tabelle 2 zeigt eine Übersicht über biologische, psychische und soziale Einflussfaktoren, die zur Entwicklung von aggressiven Verhalten beitragen können. Diese vielfältigen Einflüsse sollten nur im Zusammenhang untereinander gesehen werden und dürfen daher nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Es müssen jedoch auch nicht immer alle Faktoren vorkommen, dass sich aggressives Verhalten entwickeln kann.
Tabelle 2. Biopsychosoziale Einflussfaktoren im Rahmen der Aggressionsentwicklung (Scheithauer & Petermann, 2002)
Biologische Faktoren |
Körperliche Faktoren
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Psychische Faktoren |
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Soziale Faktoren |
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Wie werden diese Störungen behandelt?
Je früher ein ungünstiger Entwicklungsverlauf unterbrochen werden kann, umso langfristiger und effektiver wirken Behandlungen. Verhaltenstherapeutische Behandlungen zählen zu den wirksamsten und am besten überprüften Verfahren. Verschiedene Ansatzpunkte können zu einer Symptomreduktion resp. Verhaltensänderung des Kindes im jeweiligen Kontext führen (z.B. Schule). Entsprechend des Umfeldes des Kindes oder Jugendlichen und der Stärke der Symptome muss die Behandlung auf das einzelne Kind oder Jugendlichen abgestimmt werden. Die Aufklärung und Beratung der Eltern, Lehrer und des Kindes/Jugendlichen umfasst Informationen hinsichtlich der Symptomatik und ihrer Folgen. Bei einer milden Störungsform kann eine umfassende Beratung als Behandlung ausreichen. Bei einer stark ausgeprägten Störung, ist jedoch eine weitergehende Behandlung angezeigt. Für eine Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung und des Erziehungsverhaltens haben sich Elterntrainings als hilfreich erwiesen. Es ist erwiesen, dass für eine positive Eltern-Kind Beziehung ein konsequentes Verhalten der Eltern sehr wichtig ist. Eltern sollten mit ihren Kindern angemessene Regeln und Grenzen vereinbaren. Bei Überschreitung der Regeln und Grenzen sollte sofort entsprechend reagiert werden. Solche Verhaltensänderungen können durch Modifikation von Verstärkern erfolgen. Aggressives Verhalten sollte nicht durch Eltern, Lehrer oder Gleichaltrige durch vermehrte Aufmerksamkeit verstärkt/bekräftigt werden. Hingegen sollte sozial angemessenes Verhalten z.B. durch Lob verstärkt werden. Je älter das Kind ist, desto stärker sollte es in die Behandlung miteinbezogen werden. Zeigt sich das aggressive Verhalten des Kindes oder Jugendlichen auf dem Hintergrund von sozialen Kompetenzdefiziten, Störungen in der Affekt- und Impulskontrolle ist ein soziales Kompetenztraining resp. ein Ärgerkontrolltraining nötig. Besteht beim Kind oder Jugendlichen eine Tendenz zur Fehlwahrnehmung und Fehlinterpretation sozialer Situationen, dann ist ein Problemlösetraining angezeigt. Dabei lernen Kinder und Jugendliche angemessene Lösungen für ein Problem zu suchen und dann anzuwenden. In sehr schwerwiegenden Fällen, bei denen sich psychologische Interventionen als nicht ausreichend erfolgreich erwiesen haben, kann eine medikamentöse Behandlung angezeigt werden. Durch eine medikamentöse Behandlung können die Voraussetzungen für eine psychotherapeutische Behandlung verbessert werden.
Wie häufig sind diese Störungen und wie ist der Verlauf dieser Störungen?
Es wird davon ausgegangen, dass insgesamt etwa 2-5% aller Kinder eine Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten aufweisen. Die Störung mit Sozialverhalten ist etwa gleich häufig verbreitet. Vom Kindes- bis ins Jugendalter zeigt sich ein Ansteigen von aggressiven Verhaltensweisen. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen und zeigen aggressives Verhalten häufiger in Form von physischem, direkt aggressivem Verhalten im Vergleich zu Mädchen, die eher indirekte, verdeckte und verbale Formen der Aggression anwenden.
Der Verlauf von aggressivem Verhalten ist sehr stabil, so dass sich aggressives Verhalten bis ins Erwachsenenalter auswirken kann. Untersuchungen zeigen, dass die Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten häufig der Störung des Sozialverhaltens vorausgeht.
Viele Kinder und Jugendliche mit aggressiven Verhaltensstörungen haben auch Probleme mit der Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität (-> ADHS). Weitere Störungen, die häufig in Verbindung mit aggressiven Verhaltensstörungen auftreten, sind Angst- und depressive Störungen.
Literaturhinweise
Nöstlinger, C. (2002). Anna und die Wut. Dachs-Verlag. (für Kinder ab 6 Jahren)
Petermann, F., Döpfner, M & Schmidt, M. H. (2001). Ratgeber Aggressives Verhalten. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Göttingen: Hogrefe.
Petermann, F. & Petermann, U. (2005). Training mit aggressiven Kindern. Weinheim: Beltz.
Whitehouse, E. & Pudney, W. (2002). Wut: Ein Vulkan in meinem Bauch. Wut und Gewalt, Übungen und Spiele, Lösungsstrategien. Cornelsen Verlag Scriptor. (für Lehrer)
Autorin
lic. phil. Tina In-Albon
Unter der Leitung von Prof. Silvia Schneider
Institut für Psychologie
Klinische Kinder- und Jugendpsychologie
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CH- 4055 Basel
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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 13. Juli 2009

