Angststörungen
Inhalt
Was sind Ängste und was sind Angststörungen?
Wie zeigt sich die Angst?
Welche Angststörungen gibt es im Kindes- und Jugendalter?
Wie entstehen Angststörungen?
Wie werden Angststörungen behandelt?
Fakts
Literaturhinweise
Was sind Ängste und was sind Angststörungen?
Ängste sind im Kindesalter weit verbreitet und gehören zur normalen Entwicklung jedes Kindes. Von einer Angststörung wird dann gesprochen, wenn die Ängste zu einem erheblichen Leidensdruck führen, die Lebensweise des Kindes stark und anhaltend beeinträchtigen, langfristig die normale Entwicklung des Kindes verhindern oder Probleme in der Familie oder in anderen Lebensbereichen (z.B. Schule) auslösen. Die häufigsten Angststörungen, die im Kindes- und Jugendalter auftreten, sind die Trennungsangst, die Phobien, die Generalisierte Angststörung und die Zwangsstörungen. Die Panikstörung, die Agoraphobie sowie die Posttraumatische Belastungsstörung treten im Kindesalter eher selten auf und werden daher im Folgenden auch nicht weiter behandelt.
Wie zeigt sich die Angst?
Die Angst zeigt sich im Körper, in Gedanken und im Verhalten. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über mögliche Symptome der Angst in diesen drei Bereichen.
Körper | Gedanken | Verhalten |
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Welche Angststörungen gibt es im Kindes- und Jugendalter?
Die Trennungsangst
Kinder mit einer Trennungsangst zeigen eine übermäßig starke Angst, wenn sie sich von den Eltern oder anderen engen Bezugspersonen trennen sollten. Sie befürchten, den Eltern oder ihnen selbst könnte in solchen Situationen etwas Schlimmes zustoßen, was sie dauerhaft voneinander trennen würde (z. B. Autounfall der Eltern). Häufig vermeiden diese Kinder Situationen, in denen sie von ihrer Bezugsperson getrennt sind, z.B. abends alleine einzuschlafen, mit einem Babysitter zu Hause zu bleiben, tagsüber alleine zu Hause zu bleiben, bei Freunden zu übernachten oder in den Kindergarten bzw. in die Schule zu gehen. Zudem kann es vorkommen, dass die Kinder davon träumen, von den Eltern getrennt zu sein oder zu werden.
Die Phobien
Kinder mit einer Phobie zeigen eine dauerhafte und starke Angstreaktion gegenüber bestimmten Objekten, Situationen oder Tieren, von denen keine reale Gefahr ausgeht. Die Gedanken des Kindes kreisen um das phobische Objekt und beinhalten häufig die Überzeugung, dass eine Begegnung mit diesem zu persönlichem Schaden führen wird. Die Angst führt üblicherweise dazu, dass die betroffenen Kinder mit der Zeit die gefürchtete Situation vermeiden oder aus dieser flüchten. Wenn sich die Angst auf spezifische Objekte oder Situationen bezieht, spricht man von einer Spezifischen Phobie. Die häufigsten Inhalte dieser Phobie sind bei Vorschulkindern Angst vor Fremden, Dunkelheit, Phantasiegestalten und Tieren, bei Grundschulkindern kommen Ängste vor Stürmen, Höhen und Gewitter dazu. Bei den 12-17jährigen sind die häufigsten Angstinhalte Angst vor Blut, Tieren, Naturkatastrophen, engen Räumen und Höhen.
Treten die Ängste in sozialen Situationen auf, wie z.B. vor der Schulklasse sprechen, auf Klassenfeste gehen, handelt es sich um eine Soziale Phobie. Betroffene Kinder befürchten, sich zu blamieren, vor anderen dumm dazustehen, oder dass andere schlecht über sie denken. In der Regel sind die sozialen Kontakte des Kindes eingeschränkt und soziale Situationen werden gemieden. Hinweise dieser Angststörung können z.B. Schulverweigerung oder untypische "einsame" Hobbies (z.B. intensives Computerspielen) sein.
Die Generalisierte Angststörung
Kinder und Jugendliche mit einer Generalisierten Angststörung machen sich übermäßig starke oder unbegründete und nicht kontrollierbare Sorgen über verschiedene, alltägliche Dinge. Typisch sind z.B. Sorgen über Kleinigkeiten wie Unpünktlichkeit, Sorgen darüber, sich richtig zu verhalten, gut genug in der Schule oder im Sport zu sein oder genug Freunde zu haben. Die Kinder haben häufig ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Rückmeldung über erbrachte Leistungen und ihr Verhalten. Zudem haben Kinder mit einer Generalisierten Angststörung häufig körperliche Symptome der Anspannung, wie Ein- und Durchschlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Muskelverspannungen, Müdigkeit oder Reizbarkeit.
Die Zwangsstörungen
Zwangsstörungen beinhalten Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen. Kinder mit Zwangsgedanken denken immer wieder und gegen ihren Willen an Dinge, die ihnen Angst bereiten (z.B. "Wenn ich nicht all meinen Stofftieren gute Nacht wünsche, geschieht etwas Schlimmes mit mir."). Die Zwangsgedanken können in drei Gruppen unterteilt werden: Gedanken bezüglich Verschmutzung und Ansteckung, Zweifel und Kontrolle sowie Ordnung und Symmetrie.
Kinder mit Zwangshandlungen zeigen Verhaltensweisen oder Rituale, die sie immer wieder wiederholen. Diese Handlungen werden als aufgezwungen erlebt und dienen dazu, Ängste zu reduzieren. Typische Handlungen sind Wasch- und Reinigungsrituale, ständiges Kontrollieren, Ordnungs- und Sortierrituale, Sammel- oder Zählzwänge. Mit Hilfe von Zwangshandlungen werden also Ängste vermindert, die durch die Zwangsgedanken aufkommen. Obwohl die Handlungen von den Kindern als kontrollierend erlebt werden, gelingt es ihnen kaum, die Handlungen zu unterlassen. Dies würde dazu führen, dass die Befürchtungen, wie z.B. "Es passiert etwas Schlimmes", stärker werden würden. Oftmals wird die ganze Familie in die Zwänge des Kindes miteinbezogen. Kinder mit Kontroll- und Ordnungszwängen beispielsweise fragen ständig bei ihren Eltern nach und suchen so nach Rückversicherung, Familienangehörige müssen Kontrolldurchgänge durchführen oder dürfen bestimmte Gegenstände des Kindes nicht berühren.
Wie entstehen Angststörungen?
Zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Angststörungen zählen zum einen Faktoren, die beim Kind selber liegen. So sind Kinder mit einem gehemmten, schüchternen Temperament gefährdeter, eine Angststörung zu entwickeln. Zum anderen spielen Faktoren aus seiner unmittelbaren Umgebung eine wichtige Rolle. Dazu zählen ängstliche Modelle oder Vorbilder, traumatische Erlebnisse, Aufmerksamkeitszuwendung der Bezugsperson bei ängstlichem Verhalten des Kindes, Eltern, die selber eine Angststörung haben und Erziehungsstile (Überbehütung, starke Kontrolle). Die Entwicklung einer Angststörung kann meist durch das Auftreten von mehreren ungünstigen Faktoren erklärt werden und ungünstige Eltern-Kind-Interaktionen können die Angst aufrechterhalten.
Wie werden Angststörungen behandelt?
Zentrale Ziele in der Behandlung von Angststörungen sind, die Auslöser und die Symptome der Angst anders zu bewerten, das Vermeidungsverhalten abzubauen und ungünstige Eltern-Kind-Interaktionen, die die Angst aufrechterhalten, zu verändern. Die kognitive Verhaltenstherapie ist derzeit die wirksamste Behandlung von Angststörungen. Für eine erfolgreiche Behandlung sollte bei Kindern bis sechs Jahren vor allem mit den Eltern gearbeitet werden. Im Schulalter erweist sich die Arbeit sowohl mit dem Kind als auch mit den Eltern als wirkungsvoll. Folgende Methoden werden in der Verhaltenstherapie von Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen angewendet:
Wissensvermittlung und kognitive Interventionen
Zunächst wird dem Kind Wissen über Angst und seine spezifische Angststörung vermittelt. Es lernt, den Zusammenhang zwischen seinen Gedanken, Gefühlen und Körpersymptomen zu verstehen. In einem nächsten Schritt geht es darum, die Angst fördernden Gedanken und Bewertungen des Kindes aufzudecken, zu überprüfen und zu verändern. Mit dem Kind werden Gedanken und Selbstinstruktionen erarbeitet, die ihm helfen sollen, die Angst auslösenden Situationen zu bewältigen. Dazu eignen sich Selbstinstruktionen, die die Selbstwirksamkeit des Kindes fördern, wie z.B. "Ich bin mutig.", "Ich schaff das.", "Ich kann gut auf mich aufpassen, wenn ich alleine bin.".
Konfrontationsverfahren
Bei der Konfrontation geht es darum, dass sich das Kind seiner Angst stellt und dabei die Erfahrung macht, dass nichts Schlimmes passiert und die Angst abnimmt. Das Aushalten der Angst kann entweder in der Vorstellung (in sensu) oder aber durch tatsächliches Erleben (in vivo) erfolgen. Anhand einer erstellten Angsthierarchie werden nach und nach Angstsituationen mit aufsteigender Angstintensität geübt. Entscheidend ist, dass die Konfrontation erst dann beendet wird, wenn das Kind die Erfahrung macht, dass die Angst abnimmt. Weiter ist es wichtig, dass das Kind nicht aus der Situation flüchten oder diese meiden kann. Die Konfrontationen sind insbesondere erfolgreich, wenn sie in zeitlich kurzen Abständen wiederholt stattfinden und das Kind auch zu Hause zusammen mit den Eltern die Situationen übt.
Motivation durch Verstärker
Verstärker sind Hilfsmittel für die Motivation des Kindes und können sozialer oder materieller Art sein (z.B. Lob, Ausflug in den Freizeitpark, Fernsehen, Eisessen gehen, kleine Geschenke). Erwünschtes Verhalten wird belohnt, so dass das Kind dieses Verhalten immer häufiger aufweist. Wichtig ist es, dass das Kind sofort und konsequent nach dem erwünschten Verhalten (z.B. Ausharren in der Angstsituation, angstfreies Verhalten) verstärkt wird. Wenn Kinder in der Angstsituation ausgeprägt aggressives Verhalten zeigen, können ihnen auch Verstärker entzogen werden (z.B. tägliche Fernsehzeit wird verkürzt). Beim Entzug von Privilegien ist darauf zu achten, dass dies ohne weiteren Kommentar erfolgt und das Kind beim Ausbleiben des aggressiven Verhaltens gelobt wird.
Entspannungstraining
Aus einer Vielzahl von Entspannungstrainings (z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Atemtechnik) erweist sich die Progressive Muskelentspannung als besonders geeignet für Kinder. Durch das Wechselspiel von Anspannung und Entspannung verschiedener Körperteile kann das Kind den Zustand der Entspannung leichter wahrnehmen. Entspannungstrainings werden vor allem bei ausgeprägten körperlichen Symptomen, aber auch bei mangelnder Konzentrationsfähigkeit des Kindes oder wenn Eltern die Konfrontationsverfahren ablehnen, eingesetzt.
Einbezug der Eltern
Im Elterntraining lernen die Eltern einerseits ihre Gedanken, die die Angst fördern und somit nicht hilfreich sind, zu verändern. Das sind beispielsweise Gedanken wie "Ich bin eine schlechte Mutter / ein schlechter Vater, wenn ich meinem Kind nicht die Angst abnehme." oder "Hunde sind wirklich gefährlich." Diese Gedanken werden auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft und entsprechend korrigiert. Andererseits lernen die Eltern sich in den vom Kind gefürchteten Situationen angemessen zu verhalten. Wichtig ist, dass die Eltern das Kind in seinem Angst bewältigenden Verhalten unterstützen, gegebenenfalls überbehütendes Verhalten abbauen und eigene Ängste bewältigen lernen. Dazu üben die Eltern konkrete Verhaltensregeln ein, z.B. ängstliches Verhalten des Kindes nicht zu beachten, Angst bewältigende Verhaltensweisen zu fördern, ihm mehr Eigenverantwortung zu übergeben und Verstärker und Verstärkerentzug umzusetzen.
Fakts
Etwa 11% der Kinder leiden unter einer Angststörung. Damit zählen die Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters. Angststörungen in der Kindheit sind ernst zu nehmen, da sie das Risiko für die Entwicklung psychischer Störungen im Erwachsenenalter, vor allem Angststörungen, Depressionen und Abhängigkeitsstörungen, erhöhen.
Literaturhinweise
Ratgeber für Eltern
- Rogge, J.-U. (1999). Ängste machen Kinder stark. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH.
- Schulte-Markwort, M. & Graf Schimmelmann, B. (1999). Kinderängste: Was Eltern wissen müssen. München: Midena-Verlag
- Suer, P. (1998). Wenn Kinder Angst haben. München: Süd-West-Verlag GmbH.
- Schmidt-Traub S. (2001). Selbsthilfe bei Angst im Kindes- und Jugendalter. Göttingen: Hogrefe Verlag.
Bücher und Broschüren für Kinder
- Boie, K. (2001). Kirsten Boie erzählt vom Angst haben. Hamburg: Oetinger Verlag.
- De Beer, H. (1992). Der kleine Eisbär und der Angsthase. Gossau: Nord-Süd Verlag.
- Ende, M. & Fuchshuber, A. (1978). Das Traumfresserchen. Stuttgart: Thienemanns.
- Mai, M. (1998). Mein erstes Mutmach-Bilderbuch: Vorlesegeschichten. Ravensburg: Ravensburger Buchverlag.
- Portmann, R. (1994). Mut tut gut. Würzburg: Arena Verlag GmbH.
- Schneider, S. & Borer, S. (2002). Nur keine Panik: Was Kids über Angst wissen sollten. Zürich: pro juventute.
Internet-Link
Autorin
lic. phil. Carmen Adornetto
Unter der Leitung von Prof. Silvia Schneider
Institut für Psychologie
Klinische Kinder- und Jugendpsychologie
Missionsstr. 64
CH-4055 Basel
Telefon: 061 267 06 53
E-Mail: Carmen.Adornetto@unibas.ch
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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 6. Oktober 2008


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