Ausscheidungsstörungen/Enuresis-Enkopresis
Inhalt
Was sind Ausscheidungsstörungen?
Welche Formen können unterschieden werden?
Wie entstehen Ausscheidungsstörungen?
Wie werden Ausscheidungsstörungen behandelt?
Fakts
Literaturhinweise
Was sind Ausscheidungsstörungen?
Die beiden Störungen der Ausscheidungsfunktionen sind gekennzeichnet durch wiederholtes unabsichtliches Einnässen (Enuresis) bzw. Einkoten (Enkopresis) tagsüber und/oder in der Nacht, ohne dass eine körperliche Ursache hierfür vorliegt.
Dabei ist zu beachten, dass Kinder unterschiedlich lange brauchen, bis sie trocken sind. Die meisten Kinder werden im Alter zwischen zwei und vier Jahren zunächst tagsüber und dann nachts trocken. Bei diesem Prozess handelt es sich primär um einen Reifungsprozess, der durch Sauberkeitstrainings nicht beeinflusst werden kann. Daher werden Ausscheidungsstörungen erst ab dem Alter von 5 Jahren als Problem angesehen. Im Kindergartenalter machen noch fast 10% der Kinder gelegentlich in die Hosen oder ins Bett resp. nässen nachts ein. Für eine klinische Diagnose muss bei der Enkopresis das Kind über die Dauer eines halben Jahres mindestens einmal monatlich einkoten. Bei der Enuresis muss das Kind mindestens 2 Mal pro Monat über die Dauer von 3 Monaten einnässen.
Welche Formen können unterschieden werden?
Bei beiden Ausscheidungsstörungen wird danach unterschieden, ob das Einnässen bzw. Einkoten tagsüber ("diurna"), nachts ("nocturna") oder Tag und Nacht ("diurna et nocturna") auftritt. Des Weiteren wird zwischen "primärem" und "sekundärem" Einnässen oder Einkoten unterschieden. Das primäre Einnässen/Einkoten ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind noch nie über einen Zeitraum von 6 Monaten trocken war. Bei Kindern, die bereits einmal länger als ein halbes Jahr trocken waren und dann wieder mit Einnässen beginnen, spricht man von sekundärem Einnässen.
Das primäre Einnässen nachts ist die häufigste Form der Ausscheidungsstörung. Sie geht typischerweise nicht mit weiteren psychischen Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten einher. Alle anderen Formen der Ausscheidungsstörungen können mit weiteren psychischen und Verhaltensauffälligkeiten einhergehen. Das sekundäre Einnässen und Einkoten treten häufig im Rahmen von belastenden Situationen, mit anderen psychischen Problemen auf, insbesondere mit Alpträumen, Ängsten oder mit oppositionellen Verhaltensweisen.
Wie entstehen Ausscheidungsstörungen?
Untersuchungen weisen darauf hin, dass bei der primären Enuresis häufig eine familiär-genetische Belastung vorliegt. Das heisst, dass häufig ein Elternteil oder andere Verwandte ebenfalls erst spät trocken wurden.
Aktuell wird auch von einem veränderten ADH (Anti-Diurese-Hormon)-Rhythmus ausgegangen. ADH vermindert die Urinproduktion in der Niere. Wird zu wenig ADH produziert, muss das Kind aufwachen, um auf die Toilette zu gehen. Auch schwere Weckbarkeit, kleinere funktionelle Blase und leichte neurophysiologische Auffälligkeiten werden als Ursachen für das Einnässen diskutiert. Des Weiteren basiert das Einnässen auf ungenügend gelerntemVerhalten. Bedingungsfaktoren können das Problem aufrechterhalten und müssen berücksichtigt werden. Übernimmt die Mutter das Umziehen des Bettes und das Reinigen, fehlen für das Kind negative Konsequenzen, die zu einer Reduktion des Problemverhaltens führen können.
Beim Einkoten werden ungünstige Lernbedingungen als Hauptursache angesehen. Auch hier kann das Problem durch Zuwendung und Fehlen von negativen Folgen aufrechterhalten bleiben. Einkoten kann auch Folge einer Verstopfung sein und durch ungünstige Ernährung und/oder zuwenig Trinken und daraus folgendem hartem Stuhl entstehen. Wegen der Schmerzen vermeidet das Kind dann eine Entleerung so lange wie möglich.
Wie werden Ausscheidungsstörungen behandelt?
Trotz der Tatsache, dass die Spontanheilung des Einnässens bei ca. 15% liegt, ist aufgrund eines hohen Leidensdrucks der Betroffenen (Spott durch Spielkameraden, Vermeidung von auswärts übernachten, Beziehungsprobleme der Eltern, wenn das Kind im Bett der Eltern einnässt) und der Entwicklung von Folgeproblemen eine möglichst frühe kompetente Behandlung angezeigt. Bevor eine Behandlung begonnen wird, ist eine medizinische Abklärung erforderlich, da sowohl das Einnässen als auch das Einkoten medizinische Ursachen haben können.
Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung ist die Zustimmung und Mitarbeit der Eltern und des Kindes. Die Eltern sollten auch nach bereits durchgeführten Methoden gefragt werden. Da Eltern häufig Schuldgefühle haben, sollten diese entlastet werden, indem darauf hingewiesen wird, dass sie bei der Erziehung nichts falsch gemacht haben.
Ist die medizinische Untersuchung durchgeführt und sind die Beteiligten zur Mitarbeit bereit, ist es wichtig zu beobachten und festzuhalten, wann, wie häufig und unter welchen Bedingungen das Einnässen bzw. Einkoten stattfindet. Verschiedene verhaltenstherapeutische Verfahren können bei der Behandlung erfolgreich eingesetzt werden. Bei der Behandlung des nächtlichen Einnässens hat sich der Einsatz von Signalgeräten "Klingelmatte resp. Klingelhose" als Mittel erster Wahl herausgestellt. Das Gerät bewirkt, dass beim nächtlichen Einnässen ein akustisches Signal ertönt, welches das Kind aufwecken soll. Die Grenzen liegen in der schweren Weckbarkeit einiger Kinder und daher in der Belastung der Eltern, die dann in der ersten Zeit aufstehen und die Kinder wecken müssen. Das Ziel dieser Therapieform besteht darin, dass das Kind rechtzeitig aufwacht, um auf die Toilette zu gehen und ihm langfristig ermöglicht, nachts trocken durchzuschlafen.
Wie bereits angesprochen, werden einige Kinder durch das akustische Signal nicht geweckt. In diesen Fällen kann ein Wecktraining vor den Einnässzeiten sinnvoll sein. Zwischen dem Wecken sollen Pausen eingelegt werden, damit das Kind reagieren kann. Wichtig ist, dass das Kind vollkommen wach wird.
Beim Einnässen tagsüber ist ein Rückhaltetraining angezeigt. Mit diesem Verfahren soll die Wahrnehmungsfähigkeit für Harndrang und Blasenkapazität gesteigert werden. Das Vorgehen besteht darin, dass mit dem Kind vereinbart wird, dass es mitteilt, wenn es Harndrang verspürt. Das Kind wird dann veranlasst, den Harn noch eine bestimmte Zeit zurückzuhalten und erst nach Ablauf dieser Zeit zu entleeren. Die Aufschubszeit wird nach und nach gesteigert. Das Training kann mit und ohne Zufuhr zusätzlicher Flüssigkeiten erfolgen.
Bei der Behandlung des Einkotens wird ein Verstärkerplan eingesetzt. Schritte wie das Sitzen auf der Toilette und "Erfolge" werden verstärkt, während "Unfälle" zu negativen Konsequenzen wie Entzug von Privilegien führen. Zuwendungen der Eltern durch Reinigung sollten wegfallen. Ist das Einkoten eher leicht ("Bremsspuren"), ist ein Hygienetraining angezeigt.
Verhelfen diese Massnahmen nicht, können in Kombination mit den besprochenen verhaltenstherapeutischen Verfahren Medikamente eingesetzt werden. Antidepressiva werden bei der Enuresis eingesetzt, da diese der Wasserausscheidung entgegen wirken (antidiuretische Wirkung). Eine hemmende Wirkung auf die Wasserausscheidung hat auch ein synthetischer Analog des antidiuretischen Hormons (ADH). Bei der Behandlung mit Medikamenten ist jedoch von einer hohen Rückfallquote auszugehen.
Bei der Enkopresis v.a. durch Verstopfung kann eine Kombination von Abführmittel und einem Belohnungs-Training erfolgreich sein.
Massnahmen wie das Einschränken der Trinkmenge am Abend, Windeln für das Kind und das nächtliche Wecken sind Vorgehensweisen, die einzeln angewendet, verhindern, dass das Kind selber die Blasenkontrolle in den Griff bekommt. Vor allem bei älteren Kindern wird von diesen Verfahren abgeraten.
Hinweise für die Eltern
Kinder brauchen unterschiedlich lange bis sie trocken werden. Ein frühes Sauberkeitstraining beschleunigt das Trockenwerden nicht. Das Kind zeigt von sich aus, wann es bereit ist, trocken und sauber zu werden. Von einem Einnässproblem spricht man erst, wenn das Kind mindestens 5 Jahre alt ist. Es sollte darauf geachtet werden, dass der Toilettengang nicht zum "Stress" wird und das Kind Angst davor entwickelt.
Facts
- Im Alter von 5 Jahren leiden ca. 7% der Jungen und 3% der Mädchen unter Enuresis.
- Jungen sind offenbar von beiden Störungen häufiger betroffen als Mädchen.
- Bis zum Alter von 18 Jahren sind weniger als 1% der Altersgruppe davon betroffen.
Literaturhinweise
Eiholzer, U. (1995). Über das Bettnässen und wie man es los wird. Bern: Huber.
Largo, R. H. (2001). Babyjahre. Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht. München: Piper.
Von Gontard, A. & Lehmkuhl, G. (2004). Ratgeber Einnässen Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher. Göttingen: Hogrefe.
Internet-Links
Klingelmatte:
www.v-d-t.de/html/enuresis.html
Autorin
lic. phil. Tina In-Albon
Unter der Leitung von Prof. Silvia Schneider
Klinische Kinder- und Jugendpsychologie
Universität Basel
Missionsstrasse 60/62
4055 Basel
www.unibas.ch/psycho
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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 13. Juli 2009

