Motorische Entwicklungsstörungen
Inhalt
Was ist eine Entwicklungsstörung der motorischen Fertigkeiten?
Was sind die Symptome bei einer umschriebenen motorischen Entwicklungsstörung?
Wie entsteht diese Störung?
Wie wird eine umschriebene motorische Entwicklungsstörung behandelt?
Wissenschaftliche Fakts zur umschriebenen motorischen Entwicklungsstörung
Literaturhinweise
Was ist eine Entwicklungsstörung der motorischen Fertigkeiten?
Ein Kind, das im Vergleich zu Gleichaltrigen in seinen Bewegungen deutlich ungeschickter ist, unbeholfener und schlechter koordiniert, leidet möglicherweise an einer motorischen Entwicklungsstörung.
Diese Entwicklungsstörung wird "umschrieben" genannt, wenn sie sich auf die Motorik beschränkt. Motorische Entwicklungsprobleme gibt es aber auch im Rahmen umfassender Rückstände oder Störungsbildern (psychomotorischer Entwicklungsrückstand, Lernbehinderung, geistige Behinderung, ADHS usw.).
Von der motorischen Entwicklungsstörung unterschieden werden die spezifischen motorischen Behinderungen wie die cerebralen Bewegungsstörungen (CP) oder die Muskelerkrankungen.
Was sind die Symptome bei einer umschriebenen motorischen Entwicklungsstörung?
Bei etwa 4-6% aller Kinder liegt eine umschriebene motorische Entwicklungsstörung vor.
Betroffene Kinder sind in ihrer Bewegungsentwicklung verzögert oder zeigen Auffälligkeiten in der Ausführung ihrer Bewegungen oder der Planung von Handlungen. In der Grobmotorik kann sich das z.B. in einem verzögerten Beginn des freien Gehens, in "gstabigen", unflüssigen Bewegungen, in häufigem Stolpern und Fallen zeigen. Die Kinder haben oft mehr Probleme beim Erlernen von Bewegungsabläufen wie Treppen steigen, Ball werfen, Velo fahren, Schwimmen, Ski fahren usw. Im Turnen sind sie unbeholfen, setzen vielleicht ungeheuer viel Kraft ein oder versuchen allen Aktivitäten möglichst auszuweichen.
Feinmotorisch kann es Probleme geben beim Essen mit dem Löffel, beim Schneiden, beim Anziehen und Schuhe binden, beim Basteln, Bauen, Zeichnen und später beim Werken und Schreiben in der Schule.
Ein Teil der Kinder hat gleichzeitig andere Teilleistungsstörungen, z.B. im Bereich der Sprache oder der Aufmerksamkeit.
Leidet das Kind unter diesen motorischen Schwierigkeiten, wird es von seinen Kameraden deswegen ausgelacht oder ausgeschlossen, kann dies zu Folgeproblemen im seelischen Bereich führen, das Kind bekommt z.B. Minderwertigkeitsgefühle oder entwickelt Ängste.
Wie entsteht diese Störung?
Die Entstehungsmechanismen sind noch nicht vollständig bekannt. Wahrscheinlich können verschiedene Ursachen zu ähnlichen Schwierigkeiten führen. Es handelt sich aber in jedem Fall um eine Schwierigkeit in der "Steuerung", d.h. im Gehirn, und nicht um Probleme in den Muskeln. In Frage kommen z.B.:
- eine familiäre Variante (es gibt wahrscheinlich gesunde, motorisch unbegabte Menschen so wie es unmusikalische Menschen gibt)
- eine spezifische Störung im Bereich der Körper- oder Raumwahrnehmung (das Kind spürt sich, den Druck seiner Bewegungen, seine Lage im Raum nur ungenügend)
- eine spezifische Störung bei der Auswahl, Steuerung und Koordination der Bewegungen (das Kind weiss, was es machen will, aber nicht wie es das machen muss)
Wie wird eine umschriebene motorische Entwicklungsstörung behandelt?
Ob eine umschriebene motorische Entwicklungsstörung behandelt werden muss hängt davon ab, wie stark das betroffene Kind in seinem Alltag darunter leidet. Weniger ausgeprägte Störungen können dabei manchmal grössere Auswirkungen auf die schulische Integration oder das Selbstwertgefühl des Kindes haben als deutlicher ausgeprägte.
Die Behandlung ist eine Übungsbehandlung. Sie kann eher bei den zu Grunde liegenden Prozessen ansetzen (Schulung der Körperwahrnehmung, der visuellen Wahrnehmung, der sensorischen Integration usw.) oder eher versuchen, alltagsrelevante Aufgaben einzuüben (Schreiben, Schuhe binden usw.). Schwerpunktmässig geschieht ersteres eher in einer Physiotherapie oder einer Sensorischen Integrationstherapie, letzteres in der Ergotherapie oder in der Psychomotorik.
Wissenschaftliche Fakts zur umschriebenen motorischen Entwicklungsstörung
- Kinder nach Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen (z.B. Frühgeborene) haben ein erhöhtes Risiko für Bewegungsstörungen.
- Eine Früherkennung von Problemen durch die Beobachtung der Bewegungsqualität bei Säuglingen und Kleinkindern durch den Facharzt ist möglich.
- Die Prognose von motorischen Entwicklungsstörungen ist am ungünstigsten, wenn diese in Kombination mit andern Teilleistungsstörungen auftreten.
Literaturhinweise
- GODDARD BLYTHE, S.: Warum ihr Kind Bewegung braucht. Optimale Entwicklung fördern - von Anfang an. VAK Verlag 2005, ISBN: 3935767609
- MEIER, CH. und RICHLE, J.: Materialiensammlung für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen. Praxis Ergotherapie. Verlag modernes lernen Dortmund 2004. IBSN 3-8080-0367-7
- MURPHY-WITT, M.: Spielerisch im Gleichgewicht. Wie unruhige Kinder ein gutes Körpergefühl finden. Christopherus-Verlag 2000, ISBN 3-4195-2897-3
- Krombholz, H. (2005). Umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen. In P. F. Schlottke, R. K. Silbereisen, S. Schneider & G. W. Lauth (Hrsg.), Störungen im Kindes- und Jugendalter- Grundlagen und Störungen im Entwicklungsverlauf, Enzyklopädie der Psychologie (Band 5) (S. 548-574). Göttingen: Hogrefe.
Internet-Links
www.psychomotorik-therapie.ch
www.ergotherapie.ch
www.hpzuri.ch/therapiestelle/ergo-psycho.pdf: erklärt Unterschiede zwischen Ergotherapie und Psychomotorik (Voraussetzungen, Abklärung, Durchführung, Kostenträger usw.)
Autorin
E. Stucki-Wüthrich
Fachpsychologin für
Kinderpsychologie und Psychotherapie FSP
Bernstr. 5
3067 Boll
Telefon: 079 516 81 13
E-Mail: lisstucki@swissonline.ch
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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 2. März 2010

