Stottern und umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache/ Kommunikations- störungen im Kindes- und Jugendalter
Inhalt
Was sind Kommunikationsstörungen?
Welche Kommunikationsstörungen gibt es und wie zeigen sie sich?
Wie entstehen Kommunikationsstörungen?
Wie häufig sind Kommunikationsstörungen und wie ist der Verlauf dieser Störungen?
Literaturhinweise
Was sind Kommunikationsstörungen?
Unter Kommunikationsstörungen werden Störungen der Sprache und des Sprechens zusammengefasst. Darunter versteht man Schwierigkeiten im aktiven Sprachgebrauch, im Sprachverständnis, bei der Artikulation von Sprachlauten sowie Störungen des Redeflusses.
- Sprachentwicklungsstörungen umfassen gravierende Störungen des Sprechens und der Sprache bei der normalen Sprachentwicklung im Kindesalter. Eine Diagnose ist dann gerechtfertigt, wenn ein Kind mit zwei bis zweieinhalb Jahren nur drei bis vier Wörter beherrscht, bzw. wenn bis Ende des dritten Lebensjahres keine Sprachentwicklung eingesetzt hat. Sprachentwicklungsstörungen sind nicht direkt durch geistige Behinderung, sensorische Defizite, neurologische Beeinträchtigungen oder Faktoren in der sozialen und emotionalen Umwelt verursacht. Die Entwicklungsstörungen beim Spracherwerb werden somit von jenen Sprachproblemen abgegrenzt, die bei gehörlosen und blinden Kindern, bei tief greifenden kindlichen Entwicklungsstörungen, geistiger Behinderung sowie aufgrund schwerer Hirnschäden oder extrem deprivierender Umwelt auftreten.
- Stottern wird als Störung des Redeflusses definiert und ist von den Sprachentwicklungsstörungen abzugrenzen.
Beim Stottern muss zwischen dem ?Entwicklungstottern? und der klinisch relevanten Störung unterschieden werden. Ungefähr 80% aller Kinder zeigen im Alter von 2 bis 4 Jahren eine Phase von auffällig hastigem Sprechen mit Laut-, Silben- und Wortwiederholungen. Das sogenannte ?Entwicklungsstottern? ist für diese Altersstufe normal und klingt üblicherweise nach einigen Monaten wieder ab. Im Gegensatz dazu wird Stottern erst dann als Kommunikationsstörung diagnostiziert, wenn das Kind während längerer Zeit auffallend häufige Unterbrechungen im Redefluss zeigt, die dem Alter des Kindes unangemessen sind.
Hinweise an die Eltern:
Fast alle Kinder stottern von Zeit zu Zeit. Bei den meisten geht dies wieder vorbei. Versuchen Sie das Stottern des Kindes nicht weiter zu beachten und zu kommentieren, sondern reden Sie mit ihrem Kind einfach weiter!
Welche Kommunikationsstörungen gibt es und wie zeigen sie sich?
Kommunikationsstörungen zeigen sich in spezifischen, umschriebenen Beeinträchtigungen der Sprache und des Redeflusses. In Leistungstests sind die nicht-sprachlichen intellektuellen Leistungen deutlich besser als die sprachlichen Leistungen. In der folgenden Tabelle sind Beispiele für spezifische Beeinträchtigungen der Sprache und des Sprachflusses aufgeführt.
Beeinträchtigter Bereich | Erläuterung |
Aktiver Sprachgebrauch (expressive Sprachstörung) | z.B. geringer Sprechumfang, begrenzter Wortschatz, Schwierigkeiten beim Erlernen neuer Wörter, Wortfindungsprobleme, falscher Gebrauch von Wörtern, verkürzte Sätze, vereinfachte grammatische Strukturen, beschränktes Repertoire an grammatischen Strukturen (z.B. Verbformen), Auslassen wesentlicher Satzteile, ungewöhnliche Wortstellung. |
Sprachverständnis (rezeptive Sprachstörung) | Von aussen oft nicht sofort erkennbar. Kind kann aber z.B. den Eindruck erwecken, nicht zu hören, verwirrt oder unaufmerksam zu sein. Befolgt Anweisungen nicht oder nicht korrekt, gibt oberflächliche oder unpassende Antworten, kann aussergewöhnlich still oder auch sehr gesprächig sein. Konversationsfertigkeiten oft ungenügend ausgeprägt. Verlangsamt bei der Verarbeitung von auditiven Reizen. |
Artikulation | Sprechlaute können nicht korrekt gebildet werden (im Deutschen meist sch, ch, s, r), wobei die fehlerhafte Artikulation von Zischlauten (Lispeln) besonders häufig ist. Es können auch Fehler bei der Auswahl und Reihenfolge von Lauten vorkommen (z.B. Bulme statt Blume) |
Redefluss | - Klonisches Stottern: Hämmernde Wiederholungen von Lauten, Silben oder Wörtern (z.B. ?S-t-t-t-t-t-t-t-t-tottern?), engl. ?Stuttering? - Tonisches Stottern: Verkrampfungen der Sprechmuskulatur und z.T. heftigen Pressversuchen vor dem Beginn oder Weiterreden, in der Absicht, unbedingt das begonnene Wort oder die nächste Silbe herauszubringen (z.B. ?----------Stottern?, oder ?S------------tottern?), engl. ?Speech block? - Begleiterscheinungen des Stotterns (mit zunehmender Dauer der Störung automatisiert), um das Sprechen zu erleichtern bzw. um den Eindruck fliessenden Sprechens zu vermitteln: Mitbewegungen von Gesichts- und Halsmuskeln, der Extremitäten oder des ganzen Körpers, veränderte Atemtechnik, Verwendung von Flicklauten (?hmmmmmmmm?, ?also jedenfalls?) |
Für alle Kommunikationsstörungen gilt, dass nur dann eine Störung diagnostiziert wird, wenn die Auffälligkeiten in der Sprache die schulischen bzw. beruflichen Leistungen oder die soziale Kommunikation behindern.
Wie entstehen Kommunikationsstörungen?
- Sprachentwicklungsstörungen bei normaler Intelligenz können als spezifische Entwicklungsrückstände betrachtet werden. Diese werden mit einem biologisch bedingten Defizit beim Prozess der Gehirnreifung in Verbindung gebracht. Des Weiteren können sich Benachteiligungen in der sozialen Umwelt eines Kindes ungünstig auf die Sprachentwicklung auswirken. Es wird zudem angenommen, dass genetische Faktoren bei der verzögerten Sprachentwicklung eine Rolle spielen.
- Stottern tritt bei Verwandten ersten Grades gehäuft auf, was die Beteiligung von genetischen Faktoren bei der Entstehung des Stotterns nahe legt. Zudem werden Hirnfunktionsstörungen, insbesondere eine Störung der Hirnstrukturen, welche am Sprechvorgang beteiligt sind, mit der Entwicklung des Stotterns in Verbindung gebracht. Es wird davon ausgegangen, dass diese körperlichen Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit sich Stottern als Kommunikationsstörung entwickeln kann. Verschiedene soziale und psychologische Prozesse begünstigen die Aufrechterhaltung des Stotterns. Dazu gehören beispielsweise die bewusste Überwachung des Sprechvorgangs, welche die automatische Regulation des Sprechens behindert. Weiter kann ein stotterndes Kind mit zunehmender Dauer der Störung eine Angst vor dem Stottern entwickeln (?Erwartungsangst-Stottern?) und schliesslich zu einem grossen Teil aus Angst vor dem Stottern stottern. Die Erwartungsangst kann auch zu Sprechkrämpfen führen, d.h. je angestrengter der Stotternde versucht, nicht zu stottern, desto mehr stottert er.
Wie können Kommunikationsstörungen behandelt werden?
Die Therapie der Sprachentwicklungsstörung beinhaltet die Vermittlung von Sprachfertigkeiten wie beispielsweise Sprachverständnis und -verständlichkeit, korrekte Grammatik in der Spontansprache und Artikulationsübungen. Es werden verhaltenstherapeutische, logopädische und sprachheilpädagogische Methoden eingesetzt.
Bei der Therapie des Stotterns werden je nach Symptomatik des Kindes verschiedene therapeutische Massnahmen ergriffen:
- Elternberatungsgespräche dienen dazu, negative Reaktionen aus der Umgebung, die das Stottern des Kindes verstärken oder aufrechterhalten können, zu vermindern bzw. abzubauen.
- Logopädie und Sprachheilpädagogik umfassen übende Verfahren, z.B. metrische Sprechübungen, Atem- oder Entspannungsübungen
- Verhaltenstherapie umfasst verschiedene Sprechübungen zur besseren Kontrolle des Sprechens. Zudem wird durch die schrittweise Konfrontation mit Situationen, in denen das Kind Angst hat zu stottern, die Erwartungsangst bezüglich des Stotterns abgebaut.
Wie häufig sind Kommunikationsstörungen und wie ist der Verlauf dieser Störungen?
- Sprachentwicklungsstörungen kommen bei etwa 2-3% der Schulkinder vor. Viele Sprachentwicklungsstörungen sind vorübergehend, d.h. die Sprache entwickelt sich im Verlauf häufig normal. Bei geistiger Behinderung, frühkindlichem Autismus und schwerer Hörschädigung ist die Prgnose hingegen eher ungünstig.
- Stottern kommt bei ungefähr 1% aller Kinder vor der Pubertät und bei 0-8% der Jugendlichen vor. Typischerweise liegt der Beginn zwischen 3 bis 7 Jahren, mit einem Häufigkeitsgipfel im Alter von 5 Jahren. Mit fortschreitendem Verlauf wird Stottern stärker und wieder schwächer. Bei bis zu 80% der Kinder verschwindet das Stottern wieder, davon bei 60% spontan, typischerweise vor dem 16. Lebensjahr.
Jungen sind 2-3mal häufiger von Sprachentwicklungsstörungen und Stottern betroffen als Mädchen.
Literaturhinweise
Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V. (Hrsg.). (2001). Benni ? U-und? Wwwo ist das P-problem? Ein Comic für Kinder und Jugendliche (2. Auflage). Demosthenes-Institut.
Dutzmann, F. & Kofort, M. (Videofilm VHS; Länge ca. 25 Minuten). 2. Teil: Was ist Stottern? Das Ende eines Mythos. Online-Bestellung über Demosthenes-Verlag der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V.: www.bvss.de)
Dutzmann, F. & Kofort, M. (Videofilm VHS; Länge ca. 20 Minuten). 5. Teil: Was tun, wenn mein Kind stottert? Elternratgeber zum kindlichen Stottern. Online-Bestellung über Demosthenes-Verlag der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V.: www.bvss.de)
Fiedler, P. & Standop, R. (1994). Stottern: Ätiologie, Diagnose, Behandlung. Weinheim: Beltz.
Weinert, S. (in Druck). Umschriebene Entwicklungsstörungen der Sprache. In: P. F. Schlottke, R. K. Silbereisen, G. W. Lauth, & S. Schneider (Hrsg.). Klinische Psychologie, Band 5: Störungen im Kindes- und Jugendalter. (Enzyklopädie der Psychologie). Göttingen: Hogrefe.
Autorin
lic. phil. Barbara Schlup
Unter der Leitung von Prof. Silvia Schneider
Institut für Psychologie
Klinische Kinder- und Jugendpsychologie
Missionsstrasse 62a
CH- 4055 Basel
Telefon: +41 61 267 06 64
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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 2. März 2010
