Ticstörungen
Inhalt
Was sind Tics?
Das Tourette-Syndrom
Wie entstehen Tic-Störungen?
Wie können Tic-Störungen behandelt werden?
Was ist bekannt über Häufigkeit und Verlauf von Tic-Störungen?
Literaturhinweise
Was sind Tics?
Tics sind plötzliche, schnelle, sich wiederholende, unwillkürliche motorische Bewegungen oder Lautäusserungen.
Motorische und vokale Tics können einfach (Beteiligung weniger Muskeln, einfache Geräusche) oder komplex (Beteiligung mehrerer Muskelgruppen, Wörter oder Sätze) sein. Die Einteilung der Tics nach Art und Komplexität wird in Tabelle 1 dargestellt.
Tabelle 1. Einteilung der Tics nach Art und Komplexität
| Motorisch | Vokal |
Einfach | Augenzwinkern, Nasenrümpfen, Schulterzucken | Bedeutungslose Geräusche wie Räuspern, Zwitschern, Husten |
Komplex | Hüpfen, Berühren, Drehungen beim Laufen, Klatschen | Wörter, Sätze, Sprechblockaden |
Besonderheiten | Kopropraxie (sexuelle oder obszöne Gesten) Echopraxie (unwillkürliche, spontane Bewegungsnachahmungen) | Echolalie (Wiederholung des zuletzt gehörten Wortes, Satzes) Palilalie (Wiederholung der eigenen Geräusche oder Worte) Koprolalie (gesellschaftlich nicht akzeptierte Begriffe oder Formulierungen) |
Diagnostisch wird zwischen den folgenden Tic-Störungen unterschieden:
- Vorübergehende Tic-Störung. Es handelt sich um motorische sprachliche Tics, die mindestens vier Wochen, aber weniger als ein Jahr andauern.
- Chronische Tic-Störung. Hierbei handelt es sich ebenso um motorische vokale Tics, die jedoch im Gegensatz zur vorübergehenden Tic-Störung mindestens ein Jahr andauern.
- Tourette-Syndrom. Diese Störung ist gekennzeichnet durch motorische vokale Tics, welche mehr als ein Jahr auftreten.
Die Tics dienen keinem offensichtlichen Zweck. Obwohl die Tics als nicht willkürlich beeinflussbar erlebt werden, können diese meist für kurze Zeit unterdrückt werden. Dies kann manchmal zu Missverständnissen führen, da viele der Betroffenen eine gewisse Eigenkontrolle über die Symptome haben. Diese Eigenkontrolle bedeutet jedoch nur ein zeitliches Hinausschieben der Tics, was dann zu "Tic-Entladungen" führen kann. Der Drang zur Ausübung eines Tics kann mit dem Drang zum Niesen oder einem Schluckauf verglichen werden.
Tics treten häufig anfallsartig in Form von einem oder mehreren Tics auf, wobei zwischen diesen Anfällen Sekunden bis Stunden liegen können, in denen keine Tics auftreten. Die Schwere und Häufigkeit der Tics ändert sich häufig im Verlauf eines Tages. So können Kinder ihre Tics zum Beispiel in der Schule oder beim Spielen mit Freunden eher unterdrücken als zu Hause. Während des Schlafs kommt es fast in allen Fällen zu einem Verschwinden der Tics.
Das Tourette-Syndrom
Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics (vergleiche Tabelle 1) gekennzeichnet ist und nach dem französischen Arzt Georges Gilles de la Tourette benannt wurde. Derzeit kann mit den unten aufgeführten Behandlungskomponenten eine Reduktion der Tics erreicht werden, eine Heilung ist jedoch noch nicht möglich.
Wie entstehen Tic-Störungen?
Als Ursache wird eine Fehlfunktion im Bereich der Basalganglien vermutet, einem Teil des Gehirns, welches für die Kontrolle von Bewegungen wichtig ist. Des Weiteren wird von einem gestörten Stoffwechsel des Neurotransmitters Dopamin ausgegangen, das im Gehirn für die Informationsweiterleitung von Bewegungen wichtig ist. Vielfältige Wechselwirkungen genetischer, neurobiologischer und psychologischer Faktoren und Umwelteinflüsse bestimmen das Erkrankungsrisiko, die Schwere der Symptomatik und den Verlauf der Krankheit.
Tics nehmen unter psychischer Belastung zu und bei Ablenkung ab. Häufig gehen den Tics sensomotorische Vorgefühle voraus, die als innere Anspannung, Kribbeln oder Unruhe-Gefühle erlebt werden. Durch das Ausführen der Tics wird dieses Spannungsgefühl gelöst. Weniger häufig wird ein "Nachgefühl" erlebt, bei dem die Betroffenen nach dem Ausführen des Tics das Gefühl haben, den Tic nicht richtig ausgeführt zu haben, was wiederum als unangenehm erlebt wird, so dass der Tic willentlich wiederholt wird.
Wie können Tic-Störungen behandelt werden?
Bei vorübergehenden Tics sollte diesen möglichst wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Tics können als vorübergehende Stressreaktion interpretiert werden. Bei länger andauernder Symptomatik sollte eine Fachperson aufgesucht werden, da der Verlauf der Störung, ob sie sich weiterentwickelt oder nicht, unklar ist.
Die Therapie von Tic-Störungen enthält mehrere Behandlungskomponenten:
Beratung
Aufgrund der hohen Spontanheilung ist zunächst eine eingehende Beratung der Familie und des Kindes angezeigt. Des Weiteren sollten auch Lehrer, Schulkameraden und Nachbarn konsequent aufgeklärt werden, um soziale Ausgrenzung zu verhindern. Beispielsweise kann bei häufigen Tics in der Schule mit dem Lehrer vereinbart werden, dass das Kind Prüfungen in einem Nebenraum schreiben kann, um die anderen Kinder nicht zu stören und selber nicht so stark unter Druck zu geraten, die Tics unterdrücken zu müssen.
Manche Kinder versuchen ihre Tics auszunutzen, um bestimmtes zu erreichen. Daher sollte mit den Eltern geübt werden, dass sie die Tics ignorieren und ihnen keine Aufmerksamkeit schenken, jedoch das Kind loben oder mit Punkten verstärken, wenn sie den Tic unterdrücken. Die Punkte sollten dann in Belohnungen eingetauscht werden.
Selbstwahrnehmungstraining und Training inkompatibler Reaktionen
Dieses Training dient zunächst der Verbesserung der Selbstwahrnehmungsfähigkeit des Betroffenen. Darauf aufbauend wird eine motorische Gegenbewegung zur Tic-Reaktion eingeübt, die gegen das Auftreten des Tics gerichtet ist. Bei den meisten Tics kann die isometrische Anspannung der Antagonisten ausgewählt werden, also jener Muskelgruppe, die gegensinnig zur Tic-Bewegung arbeitet. Die Muskeln werden so angespannt, dass die Tic-Bewegung nicht durchgeführt werden kann. Voraussetzung für dieses Training ist die Wahrnehmung früher Anzeichen einer Tic-Reaktion. Durch dieses Training können teilweise unangenehme, auffallende Tics durch eine eher akzeptierte Reaktion ersetzt werden.
Beispiele für inkompatible Reaktionen:
Vokale Tics: langsames Ein- oder Ausatmen
Schulterzucken nach oben: Schultern nach unten drücken
Entspannungsverfahren
Entspannungsverfahren können helfen, mit Stresssituationen besser umgehen zu können.
Medikamentöse Behandlung
Bei stark ausgeprägter Tic-Störung oder dem Tourette-Syndrom ist eine medikamentöse Therapie oft unvermeidlich. Eine Kombination mit Verhaltenstherapie kann in diesen Fällen sehr hilfreich sein.
Was ist bekannt über Häufigkeit und Verlauf von Tic-Störungen?
Vorübergehende Tics können bei 4-12% aller Kinder im Grundschulalter festgestellt werden. 3-4% leiden an chronischen Tics und ca. 0.5% am Tourette-Syndrom. Tic-Störungen sind bei Jungen etwa 3mal häufiger als bei Mädchen. Gewöhnlich liegt der Beginn in der Kindheit. Bereits im Alter von 2 Jahren können Tic-Störungen beginnen. Das Durchschnittsalter liegt bei sechs bis sieben Jahren. Kinder und Jugendliche sind zehnfach häufiger von Tic-Störungen betroffen als Erwachsene. Dies zeigt, dass die Spontanheilung bei den Tic-Störungen (ausgenommen Tourette-Syndrom) sehr hoch ist.
Die häufigsten Begleiterscheinungen sind Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, Hyperaktivität, Impulsivität und Ablenkung.
Eine günstige Prognose hängt ab von dem Ausmass interpersoneller Beziehungsfähigkeit, sozialer Eingebundenheit in Freundschaften mit Gleichaltrigen, Möglichkeiten zur Gefühlsregulation, Fähigkeit zur Krankheitsbewältigung sowie familiärer und schulischer Unterstützung.
Literaturhinweise
Leitfaden für Lehrer herausgegeben von der Tourette Gesellschaft Deutschland:
www.tourette.de
Rothenberger, A. & Scholz, A. (2000). Mein Kind hat Tics und Zwänge. Vandenhoeck und Ruprecht: Göttingen.
Internet-Links
Tourette Gesellschaft Schweiz:
www.tourette.ch
Autorin
lic. phil. Tina In-Albon
Unter der Leitung von Prof. Silvia Schneider
Institut für Psychologie
Klinische Kinder- und Jugendpsychologie
Missionsstrasse 62a
CH- 4055 Basel
Telefon: +41 61 267 06 16
Fax: +41 61 267 06 59
E-Mail: Tina.In-Albon@unibas.ch
Für Fragen oder Anregungen zur Benutzung und Gestaltung dieser Web-Seiten
senden Sie bitte ein E-Mail an den Webmaster.
Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 3. Februar 2009

