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Donnerstag, 17. Mai 2012

Ess-Brechsucht oder Bulimie

Inhalt

Was ist Bulimie?
Einige Fakten zur Bulimie
Entstehung
Dynamik
Auswirkungen
Wie behandelt man Bulimie?
Literaturhinweise

Was ist Bulimie?

Bulimie oder Ess-Brechsucht ist gekennzeichnet  durch einen inneren Drang, anfallsweise große, manchmal riesige Mengen an Esswaren zu verschlingen und dann die übermäßige Nahrungszufuhr rückgängig zu machen durch Erbrechen (viel seltener: durch Einnahme von Abführmitteln oder periodisches drastisches Fasten). Solche „Attacken“ (sie sind öfter umsichtig geplant und vorbereitet) können alle paar Tage, aber auch viele Male täglich vorkommen oder inszeniert werden. Im letzteren Fall sind sie begleitet (und motiviert) vom erhebenden Gefühl: „Ich kann machen, was ich will“.

Frauen, die an Bulimie leiden, fallen kaum auf. Sie sind meist normalgewichtig - eher auf der schlankeren Seite und scheinen ihr Leben gut zu bewältigen. Sie sind fast immer gute Schülerinnen, Auszubildende oder Studentinnen, üben etwas später anspruchsvolle Tätigkeiten aus und beweisen viel Verantwortungsbereitschaft gegenüber Anderen. Ihr gestörtes Essverhalten verbergen sie erfolgreich vor den Mitmenschen, weil es sie mit Scham erfüllt. Manchmal wundern sich die Menschen aus ihrer Umgebung, wie sie ihren offensichtlich gesegneten Appetit mit der schlanken Linie in Einklang bringen, zuweilen fällt ihnen mit der Zeit auf, dass sie öfter eilig sich aus der Tischrunde zurückziehen.

Einige Fakten zur Bulimie

Zwei bis vier Prozent der weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen (ca. 0,5% der jungen Männer) leiden an Bulimie; am stärksten betroffen ist die Altersgruppe zwischen 18 und 20 Jahren. Bulimie entsteht auf dem Hintergrund einer Persönlichkeitsstruktur, in der Perfektionismus, Kontrollbedürfnis, hohes Leistungsideal, Ausrichtung auf die vermuteten Erwartungen der Anderen die beherrschenden Züge sind.

Häufig liegen Begleitstörungen vor: In rund 50-75% der Fälle depressive Verstimmungen, eine manisch-depressive Erkrankung in 5-10% der Fälle, Abhängigkeit von Alkohol oder anderen Substanzen in 30-37% der Fälle. Zu einem tödlichen Ausgang kommt es in 0,5-1% der Fälle.

Entstehung

Am Anfang einer Bulimie steht meist eine Diät, welche die Jugendliche durchführt, weil sie den Abstand zwischen der eigenen Erscheinung und dem superschlanken Frauenbild, das ihr aus Modezeitschriften, Werbesendungen und Soaps entgegenglänzt, als unannehmbar empfindet. Mit der - meist einschneidenden - Diät entdeckt sie, dass sie mit ihrem Essverhalten tatsächlich Einfluss hat auf ihre Erscheinung. Weil sie dafür mit Bewunderung belohnt wird, achtet sie nun genau auf die Zusammensetzung und den Kaloriengehalt ihrer Nahrung - eine Sorge, die von nun an einen großen Anteil ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Sie hat im Kopf eine "weiße Liste" von kalorienarmen Nahrungsmitteln - vorwiegend Früchte, Gemüse ohne Fettzugabe, magere Milchprodukte - von denen sie sich bevorzugt ernährt. Da die Gewichtsnorm, die sie als ideal ansieht, aber deutlich unter jener liegt, die ihrem Organismus entspricht, wehrt sich ihr Körper - und wohl auch ihre Psyche - gegen das Mangelregime mit Heißhunger, der sie zum Verschlingen von riesigen Mengen an Lebensmitteln - diesmal aus der "schwarzen Liste" der fettreichen und süßen - veranlasst. Was läge da näher, als durch Erbrechen die „Sünde“ ungeschehen zu machen, den überfüllten Magen zu entlasten, um sich wieder wohl zu fühlen und einer befürchteten Gewichtszunahme zuvorzukommen? Mit der Zeit pendelt sich eine Abfolge - Diät halten, Fressen, Erbrechen - ein, die auch zur Regulierung des Gefühlslebens eingesetzt wird: Jede unangenehme oder verpönte Empfindung, sei es Hunger, Angst, Enttäuschung, Wut, Neid, Hass, Eifersucht, ein Gefühl von Ungenügen, muss sofort mit einem Essanfall betäubt und dann, zusammen mit dem Essen, durch Erbrechen „beseitigt“ werden. Das an sich unangenehme, oft qualvolle Erbrechen bekommt so die Bedeutung einer Befreiungsaktion, wirkt erleichternd und wird deshalb mit der Zeit auch immer häufiger an sich, nicht nur mit dem Ziel der Gewichtssregulierung, gesucht.

Nicht jede junge Frau, die mit einer etwas rundlichen Figur unzufrieden ist, muss zwangsläufig ess-brechsüchtig werden. Schwierige Entwicklungsbedingungen - Gewalt, Vernachlässigung, Entmutigung, Missachtung der Autonomiebedürfnisse, sexueller und emotionaler Missbrauch, aber auch Verwöhnung - haben die Betroffenen verwundbar gemacht und die oben beschriebene Persönlichkeitsstruktur hervorgebracht, die es ihnen erschwert, mit den Aufgaben des Erwachsenwerdens - zum Beispiel sich einlassen können auf eine Liebesbeziehung, ohne die Selbstbestimmung aufzugeben - konstruktiv umzugehen.

Dynamik

Auslöser einer Ess-Attacke kann eine innere Spannung sein, die Ungewissheit, ob die Betroffene einer bevorstehenden Aufgabe gewachsen sein wird, ob sie in einer neuen sozialen Situation akzeptiert werden wird, oder es kann das unklare Verspüren einer Gefühlsregung sein, welche die junge Frau gelernt hat, als unerwünscht, „schlecht“, zu betrachten und die - da Akzeptiertwerden etwas vom wichtigsten auf der Welt ist - nicht sein darf. Riesenmengen von Nahrungsmitteln besinnungslos in sich hineinstopfen, hilft, das unangenehme oder verpönte Gefühl - Angst, Wut, Hass, Neid - nicht mehr spüren zu müssen und es schließlich durch Erbrechen loswerden zu können. Diese Form des Umgangs mit Spannungen und inneren Regungen wird als so „praktisch“ empfunden, dass es immer schwieriger wird, darauf zu verzichten. Ihr Nachteil besteht darin, dass Probleme nicht gelöst, Konflikte nicht ausgetragen werden und daher immer wieder die gleiche Gefühlsantwort hervorrufen, so dass die nächsten Ess-Attacken vorprogrammiert sind und sich die Spirale weiter dreht.

Auswirkungen

Auf der körperlichen Ebene: Ess-Attacken können zu akuter Magenerweiterung führen. Die Magensäure, die beim Erbrechen in Speiseröhre und Mundhöhle gelangt, kann Verätzungen und schwere Zahnschäden bewirken. Bei bulimischem Verhalten über längere Zeit können Störungen des Mineral- und des Hormonhaushalts auftreten.

Auf der psychischen Ebene: Die Gewohnheit, das Erleben von Spannungen und das Wahrnehmen von Gefühlsregungen Mittels Ess-Brechanfällen zu unterdrücken, schränkt die Erlebnisverarbeitung und die Orientierung in der Welt stark ein. Da Bulimikerinnen innere Signale kaum zur Kenntnis nehmen, orientieren sie sich fast ausschließlich an den Botschaften, die sie aus der Außenwelt empfangen. Sie sind ständig damit beschäftigt, Idealnormen für Schönheit, Leistungsfähigkeit und Liebenwürdigkeit zu erfüllen. Da diese eigentlich nicht erfüllbar sind und da eigene Bedürfnisse und Wünsche notorisch unerfüllt bleiben, ist die Depression nie weit und ruft nach weiteren Betäubungsmaßnahmen.

Das ständige in Anspruch genommen sein von Sorgen um Nahrungsbeschaffung und diskretes Erbrechen birgt die Gefahr der sozialen Isolierung in sich und damit weiterer Verarmung des Erlebens. Die Langeweile der Einsamkeit löst dann den nächsten Ess- Brechanfall aus, der die Betroffene wiederum deprimiert und demoralisiert zurücklässt. Bei riesigem Lebensmittelbedarf greifen vor allem sehr junge Bulimikerinnen manchmal zum Diebstahl als Beschaffungs-möglichkeit - er kann sie mit dem Gesetz in Konflikt bringen.

Wie behandelt man Bulimie?

Bulimie wird in der Regel im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie behandelt werden können, die den Betroffenen die Rückkehr zu einem angemessenen Essverhalten unter den Bedingungen und Belastungen ihres Alltagslebens ermöglicht.
 
Auf der körperlichen Ebene ist es wichtig, dass die Ess-Brechsüchtige die Empfindungen von Hunger und Sättigung wieder wahrnehmen lernt. Sie kann dazu ermutigt werden, diese Signale zu beachten und Vertrauen zu fassen in die Selbstregulierung ihres Organismus.

Auf der psychischen Ebene besteht ein zentrales Element jeder Behandlung einer Bulimie darin, die Betroffene darin zu unterstützen, dass sie einen besseren Zugang zu ihren Gefühlen findet: dass sie Gefühle wahrnimmt, aushält und sie im Sinne einer Botschaft nutzen kann, einer Meldung über ihre innere Verfassung, die ihr Anlass gibt, zu überlegen und unter Umständen angemessen zu handeln. Entscheidend wichtig ist, dass sie lernt, nicht mehr sofort die leiseste emotionale Regung mit dem reflexhaften Griff nach Nahrung zu beantworten, sondern Zeit zu gewinnen, um sich zu fragen: „Was sagt mir diese innere Regung - die Wut, die ich spüre, der Neid, die Sehnsucht, das Minderwertigkeitsgefühl - und was brauche ich wirklich, was kann ich tun, um mich mit mir selbst und mit meiner Umwelt wieder in ein gedeihliches Gleichgewicht zu bringen?“. Damit sie sich solche sinnvollen Fragen stellen und beantworten kann, braucht sie erneutes Vertrauen in ihr eigenes Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen und in ihre Fähigkeit, handelnd in ihrer Umwelt etwas zu bewirken und sie braucht die innere Erlaubnis, für sich selber einzustehen, sich eigene Ziele zu setzen und sie zu erreichen. Wenn dieser Ablauf von Wahrnehmung, Überlegung und zweckmäßigem Handeln wieder zuverlässig stattfindet, braucht die betroffene Frau keine Essorgien mehr, um ihre Gefühle zu betäuben, und kein Erbrechen, um sie samt der überflüssigen Nahrung loszuwerden. Sie kann sich darauf besinnen, dass sie selbst sich Freunde und Freundinnen nicht danach auswählt, ob sie perfekt sind und eine Model-Figur haben, sondern ob sie warmherzig, fröhlich, dem Leben und der Welt zugewandt  sind. Sie kann ihre guten Ressourcen zu Hilfe nehmen, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken, denn sie ist intelligent, tüchtig und verantwortungsvoll, nur hat sie diese Qualitäten bisher vor allem für andere eingesetzt.

Literaturhinweise

Das Buch zeigt anhand eines exemplarischen Fallberichts auf, wie die Bedürfnisse einer Betroffenen in Kindheit und Adoleszenz missachtet wurden, wie sie gelernt hat, Gefühle von Enttäuschung Wut und Auflehnung zu unterdrücken und das Essen als Mittel zur vermeintlichen Bedürfnisbefriedigung und Selbstbehauptung sowie das Erbrechen als Akt der Reinigung und des Ungeschehenmachens einer verbotenen Handlung einzusetzen.
Die Autorin gibt viele konkrete Anregungen zur Selbstbeobachtung und zur Neubewertung und allmählichen Veränderung unzweckmäßiger und destruktiver Verhaltensmuster und sie ermutigt Betroffene zu einem liebevolleren und freiheitlicheren Umgang mit sich selbst.

Zahlreiche Fallbeispiele helfen, gestörtes Essverhalten aus seiner Entstehungsgeschichte zu verstehen. Übungen zur Erkennung von irreleitenden und destruktiven Denk- und Verhaltensmustern und zu ihrer allmählichen Veränderung weisen Schritt für Schritt den Weg aus der Bulimie. Aus dem Buch kann auch die Motivation zu einer Therapie geschöpft werden, und es kann die Therapie begleiten.

Beide Bücher geben einen ausgezeichneten Überblick über die Hauptformen der Essstörungen. Sie ermöglichen das Verständnis der vielfältigen individuellen, familiären und gesellschaftlich-kulturellen Ursachen und Auslöser von Essstörungen. Gedankliche und emotionale Vorgänge, welche die Störung aufrechterhalten, werden sichtbar gemacht,  therapeutische Zugänge in ihren Grundzügen und ihrer Wirkungsweise erklärt und Wege zurück in ein freieres, selbstbestimmtes Leben aufgezeigt.

Aus vielen Entwicklungsschicksalen wird deutlich, welchen Sinn Bulimie und andere Essstörungen für die Betroffenen haben und wie sie den vermeintlichen Gewinn aus der Störung mit lebensfreundlicheren Mitteln erreichen können.

Internet-Links

Experten-Netzwerk-Essstörungen Schweiz: 
externer Link folgtnetzwerk-essstoerungen.ch

Arbeitsgemeinschaft-Essstörungen, Angehörigen-Betroffenenorganisation: 
externer Link folgtwww.aes.ch

Forum Essstörungen der KOSCH (Koordination und Förderung von Selbsthilfegruppen):
externer Link folgtforum.beobachter.ch

Institut Frauensache Österreich, Selbsthilfe bei Ess-Sucht: 
externer Link folgtwww.frauensache.at

Angaben zur Autorin

Jovita Maier, lic.phil. Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Verhaltenstherapeutin SGVT
Praxis: Gebergasse 16, 4001 Basel. Tel. 061 261 97 59
jovita.maier@dont-want-spambluewin.ch . Siehe auch externer Link folgtwww.netzwerk-essstoerungen.ch/

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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 23. März 2010