Essstörungen
Inhalt
Was ist eine Essstörung?
Literaturhinweise
Magersucht oder Anorexie
Ess-Brechsucht oder Bulimie
Esssucht oder Adipositas
Was ist eine Essstörung?
Um einen Anhaltspunkt zu bekommen, der es uns erlaubt, eine Essstörung zu erkennen, betrachten wir kurz die Hauptmerkmale eines natürlichen Essverhaltens.
Natürliches Essverhalten
Natürlicherweise essen wir, wenn unser Organismus Nahrung braucht – wir empfinden dann Hunger – und wir hören auf zu essen, wenn dieses Bedürfnis gestillt ist, wenn wir satt sind. Sinnvollerweise wählen wir die Nahrungsmittel, deren unser Körper zur Aufrechterhaltung seiner mannigfachen Funktionen bedarf. Informationen über eine zweckmäßige Auswahl an Nahrungsmitteln sind – wenn sie nicht innerhalb der Familie durch das praktische Beispiel weitergegeben wurden – in der Presse, in entsprechenden Sachbüchern oder im Internet leicht zugänglich. Essen, welches den Bedürfnissen des Organismus entspricht, ist genussvoll, und wir teilen es gern mit anderen Menschen – es hat auch eine wichtige gesellige Funktion.
Abweichendes Essverhalten
Essgewohnheiten, welche von dieser natürlichen Norm stark abweichen – wenn Menschen viel zu viel, viel zu wenig oder vorwiegend das Falsche essen oder wenn sie versuchen, systematisch übermäßige Nahrungsaufnahme künstlich rückgängig zu machen – werden dann zur Essstörung im engeren Sinne, wenn die Beschäftigung mit dem Essen und seinen unmittelbar beobachtbaren Folgen – die Auswirkungen auf Gewicht und Aussehen – die Betroffenen mehr und mehr beherrschen, wenn sie ihr ganzes Planen und Handeln zu bestimmen beginnen und andere Erlebnisbereiche verdrängen.
Symptomcharakter der Essstörungen
Essstörungen sind Symptome einer tiefer gehenden Störung des Wahrnehmens, Denkens und Fühlens, an deren Zustandekommen auch die Umwelt des betroffenen Menschen beteiligt ist. Eine große Rolle spielen bei deren Entstehung auch zeittypische Werte wie coolness und „Emotionslosigkeit“ und die angeblich wünschbare Fähigkeit, „alles im Griff“ zu haben.
In den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten haben die Essstörungen das Ausmaß einer Epidemie angenommen. Das legt uns nahe, ihre verschiedenen Formen – Magersucht (oder Anorexie), die früher extrem selten war, Ess-Brechsucht (oder Bulimie), die man gar nicht kannte und Esssucht (bzw. ihre Folgeerkrankung, die Adipositas), die auch viel weniger häufig auftrat – als Versuche der betroffenen Menschen aufzufassen, persönliche Schwierigkeiten oder problematische gesellschaftlich-kulturelle Erscheinungen, denen sie ausgesetzt sind, in einer Weise zu bewältigen, die für unsere Zeit typisch ist.
Zu diesen Zeiterscheinungen gehören einerseits der noch nie dagewesene Überfluss, in dem wir – zumindest in westlichen Kulturen – leben (in Mangelgebieten kennt man keine Essstörungen) und die zunehmende Industrialisierung, Standardisierung und Kommerzialisierung der Nahrungszubereitung, andererseits die Eigenheiten unserer verstandes- und technikbetonten Kultur mit ihrer Geringschätzung und Missachtung der Gefühle, mit der entsprechenden emotionalen Sprach- und daher auch Kommunikationslosigkeit und mit ihrer Vorstellung, alles sei machbar und die Natur –und damit auch der Körper des Menschen – unendlich manipulierbar.
Gefühle sind eine Art innerer Kompass. Sie geben uns Auskunft über unsere innere Verfassung und unser Befinden in der Welt und sie helfen uns, uns in dieser immer komplizierter werdenden Welt zurechtzufinden. Sie sind Antworten auf das, was uns unsere Sinne melden, und auf die Gedanken, die uns durch den Kopf gehen. Viele haben aber nie gelernt, die Signale dieses Kompass’ richtig zu lesen. Für sie ist eine Gefühlsregung eher ein Störsignal, das mit einem stärkeren Reiz – z.B. mit Übersättigung oder mit drastischem Hungern – zum Verstummen gebracht werden muss.
Es sind vorwiegend junge Mädchen und Frauen, die unter dem massiven Einfluss von Erziehung und Werbung ein Grundgefühl entwickelt haben, nicht so zu sein, wie sie sein sollten, und die deshalb verzweifelt danach streben, „sich in den Griff zu bekommen“, Normen zu erfüllen, was unter Umständen heißen kann, mit den grob manipulierenden Mitteln des Hungerns oder Erbrechens ihr Körpergewicht willkürlich zu bestimmen und auf einem viel zu tiefen Niveau zu behalten. Unter den Esssüchtigen, die der Überfülle an Nahrungsmitteln eher passiv-konsumierend, oft auch resigniert gegenüberstehen, dürften Männer und Frauen annähernd gleich häufig betroffen sein.
Essstörungen haben in ihren Ursachen, Äußerungsformen und Auswirkungen gemeinsame Züge; sie unterscheiden sich aber auch deutlich voneinander. Die drei Hauptformen sollen im Folgenden kurz beschrieben werden:
- Die Magersucht oder Anorexie
- Die Ess-Brechsucht oder Bulimie
- Die Esssucht oder Adipositas
Literaturhinweise
- Monika Gerlinghoff, Herbert Backmund:
Wege aus der Essstörung
Trias Verlag, Stuttgart 2004 - Günter Reich, Cornelia Götz-Kühne, Uta Killius:
Essstörungen. Magersucht – Bulimie – Binge Eating
Trias Verlag, Stuttgart 2004.
Beide Bücher geben einen ausgezeichneten Überblick über die Hauptformen der Essstörungen. Sie ermöglichen das Verständnis der vielfältigen individuellen, familiären und gesellschaftlich-kulturellen Ursachen und Auslöser von Essstörungen. Gedankliche und emotionale Vorgänge, welche die Störung aufrechterhalten, werden sichtbar gemacht, therapeutische Zugänge in ihren Grundzügen und ihrer Wirkungsweise erklärt und Wege zurück in ein freieres, selbstbestimmtes Leben aufgezeigt.
Internet-Links
Experten-Netzwerk-Essstörungen Schweiz:
netzwerk-essstoerungen.ch
Arbeitsgemeinschaft-Essstörungen, Angehörigen-Betroffenenorganisation:
www.aes.ch
Forum Essstörungen der KOSCH (Koordination und Förderung von Selbsthilfegruppen):
forum.beobachter.ch
Institut Frauensache Österreich, Selbsthilfe bei Ess-Sucht:
www.frauensache.at
Angaben zur Autorin
Jovita Maier, lic.phil. Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Verhaltenstherapeutin SGVT
Praxis: Gebergasse 16, 4001 Basel. Tel. 061 261 97 59
jovita.maier@bluewin.ch . Siehe auch
www.netzwerk-essstoerungen.ch/
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Die letzte Aktualisierung dieses Dokuments erfolgte am 23. März 2010
